Wo sich die dichte Waldlandschaft des westlichen Thüringer Waldes öffnet und in eine sanfte, weite Hügellandschaft ausstreift, beginnt der Rennsteig. Der 168 km lange Wanderweg ist nur einer von vielen historischen „Rennsteigen“, auf denen einst Boten ihre eiligen Nachrichten transportierten. Doch der ehemalige Grenzweg von Hörschel nach Blankenstein ist der Berühmteste unter ihnen und zählt heute zu den Top Trails of Germany ®. Allerdings ist er nicht die einzige Motivation, die seit jeher Wanderer in die Wartburg-Region zieht. Wallfahrten und Pilgerwanderungen – in den letzten Jahren zunehmend populär geworden – haben in dieser Gegend eine lange Tradition. Seit dem frühen Mittelalter zogen Pilger auf der Via Regia von Osten kommend durch Eisenach in Richtung Marburg, Köln, Aachen oder zum Grab des hl. Jakobus in Santiago de Compostela. Heute verlaufen mehrere Pilgerpfade entlang der historischen Strecke, unter anderem der Elisabethpfad, der auf 180 km von der Wartburg bis zur Elisabethkirche in Marburg führt.

Auf den Spuren einer Heiligen

Anette schließt die Augen und neigt den Kopf in Richtung Sonne. Die goldenen Strahlen legen sich an diesem Morgen wärmend auf die kleine Gruppe, die heute ihre erste Etappe des Pilgerpfades von Eisenach nach Marburg gehen will. Der Elisabethpfad folgt den Stationen des Lebens der ungarischen Königstochter, die bereits als Vierjährige mit dem Landgrafen Ludwig von Thüringen verheiratet und auf die Wartburg bei Eisenach gebracht worden war. Sie war schon zu Lebzeiten bekannt für ihre Religiosität und Mildtätigkeit, kümmerte sich hingebungsvoll um Arme und Kranke und wurde nur vier Jahre nach ihrem frühen Tod heilig gesprochen. Die Pilgergruppe trifft sich in aller Frühe am Elisabethplan am Fuße der Wartburg. Hier gründete Elisabeth von Thüringen 1226 das erste Hospital, in dem sie sich auch selbst um die Pflege und Versorgung der Patienten kümmerte. Zwischen den dunklen Mauerresten geht von der Elisabeth-Statue in der Morgensonne ein regelrechtes Leuchten aus und lässt die Pilger in andächtiger Stille verharren. Dann geht es los in Richtung Eisenach. Die Gespräche am Weg drehen sich immer wieder um das Leben und Wirken Elisabeths und ihre Bedeutung bis in die heutige Zeit hinein.

Zwischen Eile und Ruhe

Annähernd paralell zum Elisabethpfad führt auch der Jakobsweg, gekennzeichnet mit einer gelben Muschel auf blauem Grund. Zwischen der Wartburg und Eisenach treffen wir Jochen. Er ist alleine unterwegs und pilgert schon seit vielen Jahren. Auch den „Camino“ sei er schon gegangen, 800 km in 29 Tagen. Nun folgt er dem ökumenischen Pilgerweg von Görlitz bis Vacha. 380 km hat der erfahrene Pilger bereits hinter sich gelassen, 40 fehlen ihm noch. Die will er in einem Tag schaffen. Stirnrunzelnd ziehen wir weiter. Das entbehrungsreiche Pilgerdasein, alleine mit Gebeten , Gedanken und mit der Anstrengung weiter Wanderstrecken, ist für uns nicht der richtige Weg. Der Austausch untereinander, gegenseitige Hilfe am Weg und die ausgiebige Beschäftigung mit den historischen Stationen der Strecke ist der kleinen Pilgergruppe wichtiger als das rasche Vorankommen. Das, so Anette, sei das Gute am Pilgern in der heutigen Zeit. Das man nicht zum Ziel eilen müsse, unter Kälte, Hunger und den Entbehrungen des Weges leidend. Zahlreiche Unterkünfte – meist in Gemeindehäusern oder in privaten Quartieren – machen eine flexible Einteilung der Etappen möglich. Wer möchte, kann sich geführten Pilgergruppen anschließen (Informationen unter www.elisabethpfad.de) oder auch auf eigene Faust loswandern. Und je nach Länge der Strecke bleibt auch genügend Zeit für Gespräche, Besichtigungen und die Einkehr am Weg.

Dichtung und Wahrheit

Seit dem Mittelalter gilt die Wartburg als kulturelles, religiöses und politisches Zentrum. Neben Elisabeth von Thüringen und Martin Luther tauchen in den Annalen der Burg immer wieder berühmte Namen aus Kultur und Politik auf. Wolfram von Eschenbach verfasste hier Teile des Parzifals, Walter von der Vogelweide beschäftigte sich in seinen Versen mit der Wartburg, 1777 weilte Goethe fünf Wochen hier. Seine Zeichnungen geben einen Eindruck von der Wartburg in dieser Zeit. Um 1800 ließ der Dichter Novalis den Minnesänger Heinrich von Ofterdingen von der blauen Blume der Romantik träumen. 1817 wählten Jenaer Studenten die Wartburg als Versammlungsort der Burschenschaften im Vorfeld der bürgerlichen Revolution von 1848 und Richard Wagner nahm die Sage vom Sängerkrieg auf der Wartburg als Grundlage für die 1845 uraufgeführte Oper Tannhäuser. Die Venushöhle in den Hörselbergen östlich von Eisenach soll Richard Wagner einst als Inspiration für die Darstellung der Venusgrotte im Tannhäuser inspiriert haben. Auf der markanten Muschelkalkterrasse führt auch der ökumenische Pilgerpfad über den Großen Hörselberg. Nur wenige wissen, dass die sagenumwobenen Felsengruppen um Venushöhle und Tannhäuserhöhle das Zuhause der germanischen Fruchtbarkeitsgöttin Hulda gewesen sein soll, aus der bei den Brüdern Grimm Frau Holle wurde. …