Wandern vor der eigenen Haustür ist das Gebot der Stunde, die Heimat neu kennenlernen. Von zuhause aus losgehen und sich plötzlich in bisher unbekannten verträumten Landstrichen wiederfinden, das Glück haben doch nur die wenigsten, dachte ich. Aber dann bin ich an einem sonnigen Vormittag losgegangen.

Zugegeben, ich wohne erst seit zwei Jahren in Bonn und kenne die Region noch nicht wie meine eigene Westentasche. Überrascht bin ich dennoch, geradezu entzückt, welch kleine Wanderrunde ich da für mich gefunden habe. Sie ist nur ca. 4,5 km lang. Zwei Stunden habe ich dafür gebraucht oder mir genommen, besser gesagt. Die Gehzeit lässt sich beliebig ausdehnen, denn es gibt einiges zu sehen und zu genießen. Wie auf einem großen ausgeschilderten Wanderweg, nur alles in klein und ohne Schilder.

Die Dramaturgie stimmt 

Da ist zuerst der Zuweg entlang einer lärmenden Straße auf Asphalt. Endlich abgebogen, befinde ich mich aber schon hinter der letzten Siedlungsreihe und zu meiner linken Seite fällt die Wiese ins Tal hinab. Treppenstufen, Schotter, eine kleine Baumgruppe verschluckt mich. Ich stehe auf einer Holzbrücke, die über einen tiefen Graben führt. Umgestürzte Bäume sammeln sich darin, so als sei die Erde hier irgendwann einfach aufgerissen. Diesen Teil kenne ich bereits. Auch die Pferdewiese, an der ich mich auf eine Bank in die Sonne setze und einen Ausblick über das gesamte Tal habe: Mehrere Wiesen, einzelne Bäume und etwas entfernt der nächste Ort. Die Pferde bewegen sich friedlich grasend auf mich zu, eines wälzt sich im staubigen Gras. Dann entfernen sie sich wieder weiter hinunter ins Tal. Dort will ich auch hin.

Ich setze meine Runde fort, folge einem Feldweg hinab ins Tal und lasse die schönen Gärten der letzten Häuser hinter mir. Ich komme vorbei an den Pferdeställen, der Geruch von Heu erinnert mich an andere Zeiten. Dann holt micht eine kühle Luft aus meinen Gedanken, ich stehe in einer Senke unter schattigen Bäumen. Lautes Vogelgezwitscher und ein rauschender Bach. Ich bin verblüfft, hier war ich tatsächlich noch nie. Es scheint der tiefste Punkt des Tals zu sein.

Verführung in den Wald

Ein kleiner Trampelpfad verführt mich geradezu in den Wald. Mein Entdeckergeist ist geweckt. Ich will wissen, wo er hinführt. Es geht leicht bergan, der Wald hat noch kaum Blätter. Ich stelle fest, dass das Tal noch viel tiefer ist. Weiter unten zu meiner Rechten fließt der Bach. Er könnte sich nicht schöner durch den Wald winden. Selbst von weiter oben kann ich das Licht auf dem fließenden Wasser funkeln sehen. Ich bin längst stehengeblieben. Meine Augen wollen in Ruhe schauen. Ein grüner Teppich mit weiß blühenden Buschwindröschen hat sich ausgebreitet, eine friedliche Stimmung liegt auf ihm. Nur die Baumstämme ragen heraus und ergeben einen tollen farblichen Kontrast. Das Sonnenlicht kann ungehindert auf den Boden fallen. Von meiner erhöhten Position erspähe ich einen Greifvogel auf einem Ast am Bach sitzend. Wenige Augenblicke später gleitet er geräuschlos durch den Wald. Ich setze mich wieder in Bewegung, folge dem Pfad hinunter zum Bach. Entgegen der Fließrichtung gehe ich direkt am Wasser. Neben mir hat sich eine dicke Eiche mit ihrer tief zerfurchten Rinde seit Jahrzehnten einen schönen Platz bewahrt. Ich empfinde so etwas wie Empathie für dieses Wesen, als würde ich mich für diesen Baum freuen. Was ein idyllisches Fleckchen Erde, so klein und versteckt, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte.

Ich gehe weiter hinauf, zwischen einzelnen lila Blüten und über Baumstämme, die quer auf dem Pfad liegen. Ich trete hinaus auf eine Lichtung, zwei alte Weiden stehen hier, steile Wiesenhänge ziehen sich hinauf bis zur Siedlung. Ich weiß wieder, wo ich bin. Fast hätte ich es vergessen. Im Sommer werden das Gras und die Brennesseln mir bis an die Hüfte reichen. Der Greifvogel fliegt wieder über mich hinweg, fast ein bisschen kitschig. Es kommt mir vor, als dürfte ich durch seinen Garten spazieren. Noch einmal geht es in den Wald hinein, bis ich wieder oben zur hölzernen Brücke und zum Rande der Siedlung komme.

Pioniermomente

Dabei hatte ich, als ich das Haus verließ, nicht das Ziel, einen neuen Wanderweg für mich zu finden. Ich wusste, wohin ich ging. Entscheidend war jedoch der Schritt, den ich auf einen der vielen kleinen Trampelpfade setzte. Erdige Spuren, kaum breiter als zwei Füße nebeneinander, aber doch nicht zu übersehen. Eine Einladung an die Pionierin in mir.

Pfade, die verheißungsvoll nach wenigen Metern im Dickicht verschwinden, an denen wir schon oft vorbeigegangen sind. Die wir zuvor ausgelassen haben, weil die Zeit nicht ausreichte, weil wir unsicher waren, ob sie nicht doch in eine falsche Richtung führen oder in einer Sackgasse enden. Es scheint, Trampfelpfade führen selten in Sackgassen, sie haben eine echte und wunderschöne Daseinsberechtigung. Sie verbinden andere bekannte Wege und führen dabei manchmal in die verborgenen verträumten Ecken, nach denen wir uns gesehnt haben. Das gibt es wirklich. Vielleicht ist jetzt Zeit für diese kleinen Trampelpfade, nochmal klein anfangen vor der Haustür und bei uns selbst.