Text und Fotos von Sarah Flory

Was ist schon los in Wales – eine ganze Menge!

Eine Achterbahn zu Fuß, vier Wasserfälle auf einen Streich und eine Wanderung auf eine von den Gezeiten abgeschnittene Landspitze – Autorin Sarah Flory war im Winter in Wales und hat fünf verblüffende Tagestouren mitgebracht, für alle, die das unterschätze Wanderparadies einmal selbst entdecken wollen. Es lohnt sich!

„Und, wo geht’s als Nächstes zum Wandern hin? Kanada, Patagonien, Nepal?“, fragt ein Bekannter aufgeregt. „Wir fahren nach Wales“, sage ich. Er stutzt. Wales – wo ist das nochmal? Ist das nicht dieses kleine Land, das zu Großbritannien gehört und im Schatten von großartigen Outdoor-Orten wie dem West Highland Way in Schottland oder dem Lake District National Park in England steht? Überhaupt – ist es da nicht ziemlich schattig? Ganz besonders im Winter?

Wandern in Wales bedeutet, in einer halben Stunde am Meer zu sein, aber auch in einer halben Stunde im Gebirge. Bei rüttelndem Wind im goldenen Sonnenuntergang an einem Gipfelmarker zu stehen und von dort Segelboote am Horizont zu sehen. Innerhalb einer Stunde dreimal Regen, viermal Sonne, Nebel, Sturmböen und zwei Regenbögen zu erleben. Was ist schon los in Wales – eine ganze Menge!

The Six Peaks oder Achterbahn zu Fuß

Brecon Beacons National Park · 14 km Rundweg · 820 m Höhenunterschied · schwer

Eine grasbewachsene Hochebene
Weite Aussichten in einem kleinen Land

Der Brecon Beacons National Park, auch bekannt als Bannau Brycheiniog National Park, sieht aus wie eine Landschaft aus sanften, baumlosen Hügeln, mit dem Pen y Fan als höchstem Berg in Südwales (886 m). Klingt nach einem recht entspannten Hügel, ist es aber nicht. Denn die Six Peaks Wanderung führt einmal im Kreis über die Gipfel von sechs Bergen inklusive Pen y Fan, wobei nach fast jedem Gipfel ein steiler Abstieg folgt, bevor es gleich wieder hinauf geht. Eine Achterbahn – aber zu Fuß.

Die Ausblicke sind allerdings jede Anstrengung wert. Jedes Mal tut sich ein anderes, tiefes Tal auf. Mal felsig, mal mit kleinem Bergsee in der Flanke, mal mit Weitblick über ein Land, das nur drei Millionen Einwohner, aber neun Millionen Schafe hat. Dementsprechend sind die Aussichten idyllisch und fast zivilisationslos. Wie kann ein kleines Land so viel Weite haben? Die Six Peaks lassen staunen. In manchen Berghängen sind schmale Steinstufen angebracht, in manchen haben sich mehrere Trampelpfade auf Lehm und Wiese gebildet. Bei schlechtem Wetter ist nicht nur die Aussicht, sondern auch die Trittsicherheit weg. Besonders schön ist der flache Bergkamm zwischen den Gipfeln des Corn Du und des Cefn Cul. Von dieser Wanderung gibt es mehrere Varianten, die auch mehr, weniger oder andere Gipfel einschließen.

Eine zerklüftete grüne Landschaft, ein Wanderer auf dem Weg in die Weite Ebene
Steile Bergflanken im Brecon Beacons National Park

Mein Tipp: Am Neuadd Car Park parken und von dort gegen den Uhrzeigersinn die Gipfel Fan y Big, Cribyn, Pen y Fan, Corn Du, Craig-Gwaun-Taf und Cefn Cul erwandern. Nur 1.8 km vom Cefn Cul entfernt führt seit 2025 eine neue, von der National Park Authority gebaute Treppe zurück ins Tal zum Wanderparkplatz. Windjacke unbedingt empfehlenswert, da es auf dem gesamten Weg keinerlei Schutz gibt. 

Weitere Infos zur Tour gibt es hier


Four Waterfalls Walk

Brecon Beacons National Park · 14 km Rundweg · 450 m Höhenunterschied · leicht bis mittel

Dichter Nadelwald aus moosbewachsenen Stämmen und Ästen
Grün, grüner, Wales  – im Zauberwald am Four Waterfalls Walk

Ja, in Wales regnet es manchmal – aber wenn man gleich zu vier Wasserfällen wandern möchte, ist das gar nicht schlimm. Der Brecon Beacons National Park hat nicht nur Bergwanderungen, sondern auch einen Four Waterfalls Walk. Vom Gwaun Hepste Car Park führt ein sehr gut ausgeschilderter Weg durch Sumpflandschaft und dann hinunter in einen Zauberwald aus purem Moos. Baumstümpfe, Zweige, der Boden – alles ist flauschig grün. Von dort ist es nicht weit bis zum ersten Wasserfall. „Wasserfall“ heißt hier „Sgwd“. Aber Achtung: Keiner der „Sgwds“ liegt direkt am Rundweg, sondern wird über abzweigende Trails erreicht, die auf groben Steinstufen nach unten führen. Besonders bei Regen sollte man hier unbedingt langsam gehen, sonst geht’s sgwwwwwd… schneller ins Tal als man möchte.

Nasse Wanderin in Regenkleidung neben einem Wasserfall
Outdoordusche gefällig? Die Autorin am Sgwd yr Eira Wasserfall

Besonders beeindruckend sind der zweite Wasserfall, Sgwd y Pannwr, und der vierte Wasserfall, Sgwd yr Eira. Beim Sgwd y Pannwr schießt der Fluss Mellte um eine Ecke und fällt dort als Wasserfall in zwei Kaskaden ab. Mit Glück ist der Wasserstand so niedrig, dass man auf einem Teil des trockenen, vom Wasser geschliffenen Felsbetts herumlaufen kann. Der Sgwd yr Eira dröhnt wie ein Vorhang von einer Steinkante herab – mit der Besonderheit, dass man hinter ihm herlaufen kann. Wer vorher zu Hause noch nicht gebadet, kann sich sicher sein, dass er anschließend geduscht ist. Allerdings nicht heiß. Ein Erlebnis, das ehrfürchtig macht und definitiv die Adrenalinschleusen öffnet.

Der dritte Wasserfall, der Sgwd Isaf Clun-Gwyn, ist leider immer wieder mal unzugänglich, da nach Unfällen an der Sicherheit des Trails gearbeitet wird und der Weg deshalb öfter geschlossen wird. Tagesaktuelle Infos gibt es bei Natural Resources Wales. Richtig schön: Der Four Waterfalls Walk führt größtenteils durch knorrigen Wald mit sehr freundlichen Rotkehlchen, die einen immer wieder nah und neugierig begleiten. Oberhalb des Sgwd yr Eira liegt ein schöner Picknickplatz.

Mehr Wanderungen im Brecon Beacons National Park gibt es hier.


Worms Head Wanderung

Gower Halbinsel · ca. 5 km hin und zurück · 50 m Höhenunterschied · mittel

Blick auf eine dünne Landspitze im Meer und eine Hinweistafel zu den Gezeiten
Eine Infotafel informiert über das Zeitfenster zur Begehung von Worms Head

Worms Head – eine Wanderung, deren Länge nur ungefähr bestimmbar ist, die trotz ihrer Kürze und wenigen Höhenmeter anstrengend ist und bei der man nur ein Zeitfenster von fünf Stunden hat, um sie zu schaffen. Hö? Der Kopf des Wurms (Worms Head) ist eine Felsformation im Meer auf der Gower Halbinsel im Süden von Wales. Ihr ahnt es vielleicht schon: da gibt’s Gezeiten. Der Worms Head ist nur etwa 2,5 Stunden vor und nach der Ebbe erreichbar. Davor und danach ist dicht. Mit Wasser. Wer es nicht rechtzeitig zurückschafft, muss auf der Insel aufs Handysignal hoffen oder eine kleine Metallglocke läuten, bis sich jemand vom Festland auf den Weg macht, um einen zu retten – was wegen der rauen See durchaus problematisch sein kann.

Mit etwas Magengrummeln mache ich mich also auf den Weg hinüber, den Blick immer zur donnernden, grauen See in der Ferne. Noch ist nicht einmal der niedrigste Stand der Ebbe erreicht, aber die Nervosität hat bereits Flut. Nach dem atemberaubenden Blick von den Klippen über das Meer, den riesigen Strand, die vom Herbstfarn rötlich verfärbten Berge und das saftige Grün, führt der Weg hinunter zum Meeresufer. Bis dahin ist alles klar, gut ausgeschildert und noch einmal mit einer täglich wechselnden Warntafel versehen, die anzeigt, zu welcher Uhrzeit man spätestens zurück sein sollte. Doch dann stehe ich vor rauem, trockenen, spitzen, Meeresboden, der mit Muscheln und Algen übersät ist. Wo ist denn jetzt der Weg? Den muss man sich ab hier selbst suchen. Mühsam und zeitraubend ist das Klettern über den unebenen, teils rutschigen Grund. Taktieren, Ausschau halten, um eine zu große Pfütze herumlaufen, den nächsten Felsen anpeilen …

Blick auf eine Bucht und grüne Küstenlandschaft
Ausblick auf die Küste bei Worms Head

Als ich schließlich am Worms Head ankomme, sind meine Füße nicht so erfreut von der Aktion. In Island über Lavafelder zu laufen, war einfacher. Aber egal – jetzt geht es rauf zur Spitze des Worms Head. Die Aussicht ist natürlich fantastisch. Meer überall, ein kurzer Regenschauer, dann ein Regenbogen. Theoretisch würde der Pfad noch zu einem Felsbogen namens Devil’s Bridge führen, doch da der Rückweg genau so anstrengend wird wie der Hinweg und die Flut nun zurückkommt, entschließe ich mich, die Notfallglocke nicht herauszufordern und am Fuß des Felsen zurückzugehen. Belohnt werde ich dabei mit der Sichtung einer Gruppe Seehunde. Nichts für schwache Nerven, aber landschaftlich eine klare 10/10. Parken ist kostenpflichtig am National Trust Shop möglich.

Weitere Infos zur Tour


Newborough Forest und Red Squirrel Walk

Anglesey Halbinsel · Trails verschiedener Längen und Themen in einem Waldgebiet an der Küste · leicht

Eine Gruppe knorriger, abgestorbener Bäume in einer Sanddüne
Faszinierende Dünen auf der Anglesey Halbinsel

Ein Sprung in den Norden von Wales – zur Anglesey Halbinsel und dem schönen Küstenwald Newborough Forest. Ein Wald am Strand hat oft etwas Magisches, oder? Das Rauschen der Baumkronen vermischt sich mit dem Rauschen der Wellen, Totholz bildet verwunschene Skulpturen und der Duft von Salzwasser und Kiefernholz weht durch die frische Luft. Das Newborough National Nature Reserve and Forest ist ein Ort zum Laufen, Entdecken, Sporttreiben und Lernen. Es gibt Wanderwege von einem bis sieben Kilometern Länge, Radwege, Lehrpfade und Trimm Trails. So kurz oder lang, wie man eben möchte.

Weicher Waldweg zwischen regennassen Baumstämmen hindurch
Korsische Kiefern im Küstenwald von Newborough

Der Wald besteht fast ausschließlich aus Korsischen Kiefern, die zwischen 1947 und 1965 angepflanzt wurden, um sie für die Holzwirtschaft und die Stabilisierung der Sanddünen zu nutzen. Jemand anderes nutzt die Bäume aber auch gern: das vom Aussterben bedrohte europäische Eichhörnchen. Moment mal – ist das nicht unser ganz normales Eichhörnchen, das wir auch aus Deutschland kennen? Tatsächlich! In Großbritannien hat sich allerdings durch menschlichen Einfluss das invasive, amerikanische Grauhörnchen verbreitet, das das heimische Hörnchen immer weiter an den Rand der Existenz drängt.

Auf der Halbinsel Anglesey jedoch hat sich die Population durch großangelegte Schutzprojekte erholen können – ein Musterbeispiel für ganz Großbritannien. Im Jahr 2016 wurde Anglesey sogar als „grauhörnchenfrei“ eingestuft und die Anzahl europäischer Eichhörnchen hat sich von 40 auf 700 Tiere erhöht – über 200 davon sollen im Newborough Forest leben. Regen mögen die Hörnchen aber nicht so sehr, deshalb habe ich auf meiner Wanderung leider keins gesehen. So ist das mit der Natur. Empfehlenswert ist der 2,4 km lange Red Squirrel Walk außerhalb des Waldes am Llyn Parc Mawr Parkplatz mit Infotafeln und niedlichen Illustrationen.

Weitere Infos zur Tour


Snowdon Ranger Path

Snowdonia National Park · 13 km hin und zurück · 940 m Höhenunterschied · mittel bis schwer

Ein einzelnes Schaft vor einem nebelverhangenen Bergsee
Sechs verschiedene Routen führen auf den höchsten Berg in Wales

Der Name Snowdonia National Park, auch bekannt als Eryri National Park, klingt nach einem Freizeitpark mit künstlichen Skipisten, aber tatsächlich ist es der älteste und größte Nationalpark in Wales mit dem höchsten Berg des Landes. Mit 1.085 m ist Mount Snowdown (auf walisisch: Yr Wydffa) eine der beliebtesten Challenges, wenn man in Wales wandern möchte. Sechs Wanderrouten führen auf den Gipfel, von dem man bei klarem Wetter bis zur irischen Küste schauen kann. Für alle, die nicht denselben Weg hoch- und wieder runterlaufen möchten, gibt es die Möglichkeit, mit den Snowdown Sherpa Bussen nach der Wanderung zurück zum Startpunkt gebracht zu werden. Außerdem gibt es seit 1896 mit der Snowdon Mountain Railway die einzige Zahnradbahn in Großbritannien. Mit ihr kann man zwischen Frühjahr und Ende Oktober von Llanberis aus auf den Gipfel fahren. Zugspitz-Vibes.

Als ich dort bin, ist Mitte November. Die Busse fahren nicht, die Bahn fährt nicht, die Sicht nach Irland ist trüb und ich bin die einzige Person auf dem Snowdon Ranger Path, der als einer der weniger populären Aufstiege gilt. Der Parkplatz liegt an der Llyn Cwellyn Talsperre und von dort geht es auch direkt bergauf. Immer wieder werde ich von Schafen beäugt, die frei über das Land laufen. Sechs bis sieben Stunden sollte man für die Wanderung mindestens einplanen. Nicht wegen der Schafe, sondern weil es fast tausend Höhenmeter zu bewältigen gibt. Immer wieder gibt es Hinweise, den Gipfel nicht bei schlechtem Wetter zu erklimmen.

Struppig bewachsene Ebene verschwindet im Nebelmeer
Wetterkapriolen in Snowdonia

Und so kommt es, wie es kommen muss: nach einem herrlichen Sonnenaufgang mit dem Wetterbericht „leicht bewölkt“ zieht nach einer Weile immer dichter werdender Nebel rein. 3,5 km weit bis zum Bergsattel am LLyn Ffynnon-y-gwas See schaffe ich es, dann wird es zu brenzlig. Auch wenn man auf dieser Route keine Kletterkenntnisse benötigt, liegen noch steile Abschnitte und Geröllfelder vor mir. Das Erreichen eines Gipfels ist beim Wandern oft bedeutsam, aber noch wichtiger ist die eigene Sicherheit. Ich kehre um. Die Berge machen ihr eigenes Wetter, davon macht auch Snowdonia keine Ausnahme. Vielleicht beim nächsten Mal – denn wiederkommen möchte ich auf jeden Fall.

Weitere Infos zur Tour 

 

Fakten zur Wales-Reise

Beste Reisezeit: Mai bis September
Wetter: Vorhersagen – besonders für die Berge – stimmen manchmal nur bedingt, Wetter wechselt häufig den Tag hindurch, teils in fünfzehnminütigen Intervallen, auch im Sommer immer Regen- und Windjacke mitbringen, in den Wintermonaten sind Stürme mit Starkregen und Flut (gesperrte Straßen) möglich
Vorteil Sommer: besseres Wetter, längere Tage, Wildblumen 
Vorteil Winter: recht mildes Klima, fast menschenleer, Unterkünfte teils halb so teuer wie im Sommer
Midges (kleine, harmlose, aber nervige Fliegen): Hochsaison von Juni bis August
Optimale Reisedauer: mindestens eine Woche für Südwales und eine Woche für Nordwales einplanen

Bestes Fortbewegungsmittel: Mietwagen, Achtung Linksverkehr!
ÖPNV nur eingeschränkt vorhanden
Einreise: Man benötigt einen Reisepass (seit dem Brexit reicht ein Personalausweis nicht mehr aus) und eine elektronische Einreisegenehmigung (ETA), die man online beantragen kann und in der Regel für einen Aufenthalt von 180 Tagen gültig ist
Campen und Freistehen: Es gibt kein „Jedermannsrecht“ wie etwa in Norwegen oder Schottland, Camping auf Privatland ist ohne das Einholen der Erlaubnis beim Besitzer illegal, Freistehen auf öffentlichen Plätzen wird geduldet, solange man keinen Müll hinterlässt („Leave no trace“) und keine Stühle rausstellt sowie Naturschutzgebiete meidet, manche Pubs erlauben das kostenlose Übernachten im Van auf dem Besucherparkplatz, wenn man vorher dort sein Bier/Abendessen bestellt hat, besonders an der Küste gibt es zahlreiche offizielle Campingplätze für Wohnmobil und Zelte
Währung: Pfund Sterling

Mehr von Sarah Flory / SquirrelSarah auf www.squirrelsarah.com oder auf Instagram: @squirrel.sarah