"Wenn es einen berechtigten Grund für eine Grenze gibt, dann ist es das starke Gefühl, sie zu überschreiten." – Thorsten Hoyer

Der Berliner Mauerweg folgt dem ehemaligen Verlauf der DDR-Grenze zu West-Berlin. Auf ca. 160 km umrundet er die einstige Halbstadt. Für Thorsten Hoyer, Extremwanderer und Chefredakteur des Wandermagazins, könnte es am 3. Oktober 2020, am 30. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung, keinen besseren Wanderweg geben. Vom 7.-30. September 2020 wanderte Thorsten Hoyer entlang des Grünen Bandes quer durch Deutschland von der tschechischen Grenze bis nach Travemünde an der Ostsee, fast 1.300 km in 24 Tagen. Nun folgt eine nonstop-Wanderung auf dem Berliner Mauerweg, schließlich hat die einst geteilte Stadt ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen.

"Wir alle haben die Bilder vor Augen, von den Menschen, die jubelnd die Berliner Mauer einreißen und überwinden," erinnert sich Thorsten Hoyer, "Das, was die Mauer früher trennte, verbindet heute der Berliner Mauerweg." Seit 2006 lädt er zu einer Reise durch die deutsche Erinnerungslandschaft ein, unter anderem vorbei am Checkpoint Charlie, der East Side Gallery, der Glienicker Brücke bei Potsdam als Schauplatz des Agentenaustauschs und über den Wannsee. Hier wird Thorsten Hoyer am Samstagmorgen starten. 

Wer Thorsten Hoyer kennt, weiß, dass er beim Wandern gerne an seine ganz persönlichen Grenzen geht. Seine schlaflose Wanderung auf dem Berliner Mauerweg könnt Ihr hier mit dem GPS-Live-Tracker und auf Facebook mitverfolgen. Wie bei der 300 km Wanderung ohne Schlaf im Mai 2018, wird Thorsten Hoyer wieder von Filmemacher Philippe Opigez begleitet.

Hier geht's zum
• Film "Der Hoyer wandert" von Philippe Opigez
• Wandertagebuch "Thorsten Hoyer erwandert das Grüne Band Deutschland"
 Berliner Mauerweg

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Samstag, 3. Oktober 2020

8.00 Uhr: geplanter Start am Wannsee
Vor drei Tagen beendete Thorsten Hoyer seine 1.297 km lange Wanderung am Grünen Band an der Ostsee. Am Wasser beginnt nun seine schlaflose Wanderung auf dem Berliner Mauerweg mit einer Fährüberfahrt. Die ehemalige Grenze zwischen der DDR und West-Berlin verlief durch den Wannsee. 

Aufgrund des Feiertags fährt die Fähre heute erst um 9:00 Uhr. Thorsten Hoyer muss sich noch ein bisschen gedulden. Hier am Fährhafen wird er auch nach den 160 schlaflosen Kilometern wieder ankommen in der Nacht von Sonntag auf Montag. 

Thorsten Hoyer wartet auf die Abfahrt der Wannsee-Fähre. © Ole Windgaßen

9:25 Uhr: Thorsten Hoyer hat den Wannsee überquert und ist am Havelufer angekommen. Jetzt geht's los zu Fuß!

Die Sonne scheint und mit großen Schritten geht's los. © Ole Windgaßen 

10:20 Uhr: Groß Glienicker See
ort, wo Thorsten geht, am Westufer des Groß Glienicker Sees, befand sich einst das DDR- Grenzsperrgebiet. Die Grenze verlief im Wasser des Sees und war mit Bojen markiert. Während er in West-Berlin ein beliebter Badesee war und die Menschen bis zu den Bojen schwimmen konnten, war der See von DDR-Seite aus durch die Mauer und Grenzsperranlagen am Ufer blockiert und auch nicht zu sehen. 

Am Groß Glienicker See © Ole Windgaßen 

13:30 Uhr: Eiskeller
Das Landschaftsschutzgebiet Eiskeller am Spandauer Forst gilt im Winter als kältester Ort Berlins mit bis zu 10 °C Temperaturunterschied zur Stadtmitte. Heute erinnert kaum noch etwas an die bewegte Geschichte der ehemaligen West-Berliner Exklave. Zur Zeit der Mauer waren die drei Höfe in Eiskeller, umschlossen von DDR-Gebiet, nur durch einen vier Meter breiten und 800 Meter langen Korridor mit West-Berlin verbunden. Innerhalb des Gebietes gab es wiederum Enklaven verschiedener brandenburgischer Gemeinden und damit der DDR. Deren Zugehörigkeit wechselte jedoch als Folge von Gebietsaustauschen zwischen der BRD und DDR mehrere Male.

14:00 Uhr: Daniela Trauthwein von Wrightsock begleitet Thorsten Hoyer für 15 km. Wrightsocks doppellagige Socken wirken der Blasenbildung beim Wandern entgegen. 110 km des 160 km langen Mauerwegs sind übrigens asphaltiert. Bei einem so urbanen Wanderweg ist das nicht überraschend, aber es ist eine Herausforderung für die Füße und das Schuhwerk. Gut, dass Thorsten Hoyer nach den unzähligen Kilometern auf alten Kolonnenwegen am Grünen Band erprobt ist im Asphaltwandern - Blasen hatte er bisher keine.

Thorsten Hoyer und Daniela Trauthwein an einer Informationstafel zur Berliner Mauer. © Ole Windgaßen

16:00 Uhr: Ein Viertel, 40 km (der GPS-Live-Tracker hängt ein bisschen hinterher), sind bereits geschafft. "Viel zu schnell, ich muss etwas Tempo rausnehmen", sagt Thorsten, er ist bisher mit einem Schnitt von 5,8 km pro Stunde unterwegs. "Natürlich fängt man da ein bisschen an zu rechnen, aber ich werde im späteren Verlauf automatisch langsamer werden und auch mehr Pausen machen. Das hier soll kein Wettrennen sein."

Noch dazu ist es landschaftlich hier in den Berliner Außenbezirken richtig schön mit Wiesen, Seen und kleinen bereits herbstlichen Wäldern.

Thorsten Hoyer im asphaltierten und leicht herbstlichen Wald bei Stolpe © Philippe Opigez

"Die Entscheidung, am Wannsee anzufangen, war auf jeden Fall richtig. So habe ich die schöne Landschaft tagsüber im Sonnenschein und die Innenstadt Berlins bei Nacht wird umso spannender", freut sich Thorsten. Im Rahmen des Light-Art-Festivals "BERLIN leuchtet®" werden heute am Tag der Deutschen Einheit zahlreiche monumentale Gebäude, darunter auch das Brandenburger Tor, an dem Thorsten Hoyer vorbeikommen wird, künstlerisch beleuchtet. 

Ein paar Kilometer zuvor bei Hennigsdorf: Eine Informationstafel weist auf die "staatlich verordnete" deutsch-sowjetische Freundschaft hin. Die 1947 gegründete und zwei Jahre später umbenannte "Gesellschaft der deutsch-sowjetischen Freundschaft", DSF, sollte dem Abbau der anti-sowjetischen Haltung der Bevölkerung dienen. Wie auf der Informationstafel beschrieben, organisierte sie kulturelle und sportliche Aktivitäten, bei denen es tatsächlich jedoch um die "Propagierung des sowjetischen Systems" ging. Eine Mitgliedschaft in der DSF oder ähnlichen Vereinigungen war verpflichtend. Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 war eines von vielen Ereignissen, die den Zerfall der Sowjetunion vorantrieben.

An der "Brücke der deutsch-sowjetischen Freundschaft"
bei Hennigsdorf © Thorsten Hoyer
Informationstafel © Thorsten Hoyer

17:30 Uhr: Vielleicht haben sich einige von Euch gewundert, warum Thorsten Hoyer in diesen "dicken Tretern" auf einem Stadtwanderweg unterwegs ist. Ganz einfach: 

18:45 Uhr: Thorsten Hoyer ist gut gelaunt nach 55 km. Ungefähr diese Distanz ist er 24 Tage lang täglich am Grünen Band gelaufen. Jetzt aber geht es in die Nacht. 

Die Sonne ist jetzt untergegangen, es geht in die Nacht. © Philippe Opigez

20:30 Uhr: Es läuft rund. Nachdem Thorsten Hoyer im Dunkeln durch ein schickes Villenviertel spaziert ist, hat er jetzt den ersten Blick auf Berlin City. Der Mond ist so hell, dass er bisher keine Lampe braucht. Auf in den Großstadtdschjungel!

22:00 Uhr: Wie kommt man am besten durch eine lange Nacht? Mit einem guten Freund an der Seite. Zu Thorsten Hoyers Überraschung ist Ralph Hübschmann, der bereits zwei anstrengende Tage auf dem Grünen Band mitgewandert ist, angereist und wird ihn durch die Nacht begleiten. Zwischenziel ist das Brandenburger Tor, dann ist die Hälfte des Weges geschafft.

Ralph Hübschmann überrascht Thorsten Hoyer auf dem Berliner Mauerweg. © Ole Windgaßen

23:15 Uhr: Grenzübergang Bornholmer Straße
Der Mauerweg verläuft großteils auf dem Postenweg, den die Grenzposten für ihre Patrouille nutzten. Nach gut 70 km kommt Thorsten Hoyer zum ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße, der die Bezirke Prenzlauer Berg und Wedding verband. Nachdem am 9. November 1989 bekannt gegeben wurde, dass die DDR-Bürger die Reisefreiheit erhalten würden, war der Grenzübergang Bornholmer Straße der erste von sechs, an dem um 23:30 Uhr, also ähnlich Thorsten Hoyers jetziger Wanderzeit, die Passkontrollen eingestellt wurden und DDR-Bürger nach West-Berlin drängten.

23:35 Uhr: Bernauer Straße
Vorbei am Mauerpark geht es über die Kreuzung Eberswalder/ Oderberger/ Schwedter/ Bernauer Straße. Hier befand sich eine von mehreren Aussichtsplattformen in West-Berlin, die einen Blick über die Mauer erlaubten. Thorsten Hoyer und sein Begleiter folgen nun der Bernauer Straße zwischen den Ortsteilen Mitte und Gesundbrunnen. Nach dem Bau der Berliner Mauer gehörten die auf der einen Straßenseite stehenden Häuser zur DDR, während der Bürgersteig bereits West-Berlin markierte. In den ersten Jahren nach dem Mauerbau, als die Häuser noch nicht abgerissen waren, kam es hier zu zahlreichen Fluchten und Fluchtversuchen, die die Bernauer Straße international bekannt machten. Auf West-Berliner Seite wurden Tunnel von den Kellerräumen bis in die Schönholzer Straße auf der anderen Seite der Mauer gegraben. Durch den 140 m langen Tunnel 29 beispielsweise gelangten am 14. und 15. September 1962 29 Menschen unbemerkt in den Westteil Berlins.

"Ich war ja schonmal bei Tag hier, aber jetzt in der Nacht ist es ein echter Gänsehautmoment", sagt Thorsten Hoyer. Noch ist er hellwach, ein kurzer Stop an der Tankstelle und weiter geht's!

Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße  © Thorsten Hoyer

Sonntag, 4. Oktober 2020

00:50 Uhr: Reichstagsgebäude
Thorsten Hoyer wandert vorbei am ehemaligen Grenzübergang Invalidenstraße, vorbei am historischen Campus der Berliner Charité, wird dann die Spree überqueren und am Reichstagsgebäude ankommen. Der Reichstag befand sich im britischen Sektor West-Berlins, die Mauer führte direkt an seiner Ostseite vorbei. Die von Gottfried Böhm 1988 entworfene begehbare Glaskuppel ist ein Symbol der Offenheit und demokratischen Teilhabe.

01:20 Uhr: Brandenburger Tor
Das 400 Meter entfernte Brandenburger Tor befand sich zur Zeit der deutschen Teilung im Sperrgebiet, es konnte weder von der einen noch der anderen Seite durchquert werden. 28 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer bejubelten mehr als 100.000 Menschen die Eröffnung des Brandenburger Tors, das seitdem als Symbol der Überwindung der Teilung Deutschlands und Europa gilt. 

2:10 Uhr: Checkpoint Charlie
Die Hälfte des Berliner Mauerwegs, gut 80 km, ist geschafft und Thorsten Hoyer ist am Checkpoint Charlie angekommen. Der Ort des ehemaligen Kontrollpunkts der West-Alliierten am Grenzübergang Friedrichstraße ist heute eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Berlin, mit einer originalgetreuen Nachbildung einer amerikanischen Kontrollbaracke, dem Hinweisschild: „Sie verlassen den Amerikanischen Sektor“ und der Doppelreihe aus Pflastersteinen am Boden, die an vielen Stellen in Berlin-Mitte den ehemaligen Verlauf der Mauer kennzeichnet.

3:25 Uhr: East Side Gallery
Das längste noch erhaltene Teilstück der Berliner Mauer ist das Denkmal der heutigen East-Side-Gallery in Berlin-Friedrichshain. Die sogenannten Hinterlandmauer, die Ost-Berlin zugewandt ist, wurde im Frühjahr 1990 von von 118 Künstlern aus 21 Ländern auf einer Länge von 1316 Metern bemalt. An vielen Stellen existieren heute allerdings nur noch die Repliken.

08:00 Uhr: Guten Morgen!
Die Nacht ist geschafft, endlich, und unserem Extremwanderer geht es gut. Nach der ewig langen und geraden Kiefholzstraße ist Thorsten Hoyer zum Sonnenaufgang in Berlin Schönefeld angekommen. Und endlich gibt es auch einen Kaffee. Die linke Ferse nervt ein wenig. 10 Minuten Pause hat er sich in der Nacht gegönnt, dann zieht es ihn weiter. Denn wenn alles weiter nach Plan läuft, könnte er gegen 18 Uhr noch vor der nächsten Dunkelheit am Wannsee ankommen. Das motiviert und wir fiebern mit.

Ein Kaffee am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. © Ralph Hübschmann

Eine weitere gute Nachricht: Philipp Fuge ist dazugestoßen! Einige Wandermagazin-Leser werden sich vielleicht an den Berliner Arzt, der 2019 von Gibraltar zum Nordkap gewandert ist, erinnern. Das Wandermagazin durfte jede Woche über seine Wanderung berichten und auch Thorsten Hoyer selbst ist für einen Tag mit Philipp gewandert. Nun begleitet Philipp Fuge unseren Chefredakteur auf einem Stück des Berliner Mauerwegs. Das Buch über Philipp Fuges Wanderung quer durch Europa wird im März 2021 erscheinen, wann genau erfahrt ihr bei uns oder auf Philipps Blog.

Schnell noch ein Selfie mit Philipp Fuge © Thorsten Hoyer

12:20 Uhr: 130 km sind jetzt geschafft. 30 km gilt es noch zu bewältigen. Der Mauerweg erstreckt sich am südlichen Rand Berlins auf langen Geraden Richtung Potsdam. Es ist etwas waldiger geworden, zu Thorstens linker Seite liegen Wiesen und Felder. Immer wieder passiert er Ortseingangsschilder von Berlin. Hier zwischen Teltow und Lichtenfelde floh Thorstens Vater und Bruder mit Familie 1960 von Brandenburg nach West-Berlin, nachdem die Firma, in der sie arbeiteten, enteignet worden war.

Er geht immer noch ... © Philippe Opigez

Im Kopf rechnet Thorsten seine Ankunftszeit aus... 17:30 Uhr, 18:00 Uhr oder doch eher? In jedem Fall wird am Ziel seine Frau warten und zuhause in Erfurt dann eine heiße Badewanne. Die Erschöpfung ist Thorsten jetzt anzusehen, sein Gang ist nicht mehr so aufrecht wie zuvor. Die mentale Stärke ist gefragt.

15:00 Uhr: "Asphalt, Asphalt, Asphalt, das nervt. Ich will jetzt ankommen.", sagt Thorsten und legt nochmal einen Zahn zu. Da kommt ein Freund wie gerufen: Dietmar Wunder, die deutsche Synchronstimme des James Bond Darstellers Daniel Craig, kennt Thorsten Hoyer unter anderem von einer Interview-Wanderung auf dem Berliner Mauerweg im vergangenen Jahr. Thorsten will jetzt endlich ankommen. Noch 8 km.

Dietmar Wunder und Thorsten Hoyer mal wieder gemeinsam in Berlin. © Philippe Opigez

15:50 Uhr: Glienicker Brücke

Thorsten Hoyer kommt gleich am letzten historisch markanten Punkt des Berliner Mauerwegs vorbei. Die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam wurde als "Agentenbrücke" international bekannt. Während des Kalten Krieges kam es auf der Glienicker Brücke drei Mal zu einem Gefangenenaustausch der beiden Militärlager. Insgesamt wurden 40 Personen, darunter politische Häftlinge, Spione und Agenten übergeben. Thorsten Hoyer wird die Brücke jedoch nicht überqueren, sondern vorher auf die Zielgerade zum Wannsee abbiegen.

Hier am Wannsee begann Thorsten Hoyer seine Wanderung auf dem Berliner Mauerweg und hier wird er gleich ankommen. © Philippe Opigez

17:10 Uhr: "Die letzten 20-25 km waren hart. Der Asphalt hat an der Kette meines inneren Schweinehundes gezerrt und gesagt:' Hör auf, hör auf...!'", erzählt Thorsten Hoyer kurz vor dem Ziel.

17:30 Uhr: Geschafft!

Vor genau 33 Stunden begann Thorsten Hoyers schlaflose Wanderung auf dem Berliner Mauerweg. Jetzt ist er endlich im Ziel.

Im Ziel nach 160 km nonstop © Philippe Opigez

Thorsten Hoyer blickt zurück auf seine nonstop-Wanderungen, mit denen er vor 16 Jahren begann, und fasst einen Entschluss:


 

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