Zugegeben, die Leidenschaft fürs Wandern habe ich irgendwie etwas spät entdeckt. So empfinde ich das zumindest heute mit 27 Jahren. Mein Vater dagegen ist schon immer gerne gewandert. An ihm kann es nicht gelegen haben und ganz gewiss habe ich meine Liebe für die Natur und das Draußensein von ihm geerbt. Nun waren wir drei Tage zusammen auf dem Rennsteig unterwegs.
 

Mein Vater und ich © Svenja Walter

Mein Vater und der Fernwanderweg haben schon eine Vorgeschichte. Der Rennsteig wurde im Jahr 1330 das erste Mal urkundlich erwähnt. Der 169,9 Kilometer lange Kammweg ist ein historischer Grenzweg im Thüringer Wald, Thüringer Schiefergebirge und Frankenwald und außerdem einer der ältesten, wenn nicht sogar der älteste Wanderweg Deutschlands. Als deutscher Wanderer muss man einmal in seinem Leben den Rennsteig gewandert sein.“, sagt mein Vater. Vor vier Jahren ist er war er das erste Mal auf dem Rennsteig. Danach kam er jedes Jahr für zwei bis drei weitere Etappen wieder. Inzwischen ist er vom Startpunkt im Eisenacher Stadtteil Hörschel an der Werra bis nach Masserberg im Thüringer Schiefergebirge gegangen. Hier starten wir bei Kilometer 100 unsere dreitägige Tour.

1. Tag: Für Nadelwaldliebhaber

Unser heutiges Etappenziel nach ca. 24 Kilometern ist der Ort Neuhaus am Rennweg. Die letzte Nacht haben wir bereits in einem dortigen Hotel verbracht und uns heute Morgen nach Masserberg fahren lassen – genau auf den Parkplatz, an dem mein Vater das letzte Mal aufgehört hat. Wie immer erinnert er sich noch ganz genau und erzählt mir von den vorherigen Touren. Ich wünschte ich hätte ein solches Erinnerungsvermögen. Und er hat nicht zu viel versprochen. Ich brauche nur wenige Meter auf dem Rennsteig und mir wird klar: Dieser Weg ist definitv für Nadelwaldliebhaber wie meinen Vater und mich. Wir können tagelang einfach durch den Wald stapfen, ohne dass uns langweilig wird.

 Wurzelige Pfade des Rennsteigs © Svenja Walter

Ich habe mich vor der Wanderung gefragt, über was wir uns drei Tage lang so alles unterhalten würden. Aber wir können jeden Schritt aufs Neue den lichtdurchfluteten Wald genießen, Tanne an Tanne, Wurzel an Wurzel. Unsere Gespräche werden immer wieder unterbrochen von dem was wir sehen und riechen. „Oh guck mal, wie hoch die Heidelbeersträucher sind!“ oder „Oh, dieser Tannenduft!“ Wir lassen unser Gesprächsthema fallen und nehmen es erst einige Kilometer später wieder auf. „Ach, sag mal, was war denn jetzt eigentlich mit … ?“ Der Weg ist schöner und spannender. Alles andere scheint weit weg.
 

2. Tag: Renner auf dem Rennsteig

Am zweiten Tag müssen wir unser Gepäck mitnehmen, denn wir gehen zur nächsten Unterkunft in Steinbach am Wald. Unser heutiges Etappenziel liegt rund 22 Kilometer entfernt. Ich werde fast etwas ungeduldig, während wir unsere Rucksäcke packen. Ich möchte wieder auf den Weg. Das legt sich erst, als wir aus dem Ort herausgehen. Kaum haben wir den Wald betreten, sind wir wieder umgeben von einem Licht- und Schattenspiel. Unzählige Tannen und wir auf schmalen wurzeligen Pfaden mitten drin. Immer wenn wir einen Schritt in die Sonne hinein machen, steigt der Tannenduft vom warmen Waldboden auf und umhüllt uns. Es scheint als fiele der Duft mit dem Sonnenstrahl auf uns herab, so intensiv ist das Zusammenspiel von Licht und Waldaroma. Unter unseren Füßen knacken und knistern zahlreiche trockene Tannenzapfen. Später laufen wir auch durch kleine Heidelandschaften mit Kiefern und Birken. Ich weiß nicht warum, aber über deren Anblick freue ich mich jedes Mal wie ein kleines Kind, das ein Osterei findet.

Ich kann mich nicht sattsehen und bin überrascht. Wir haben den Weg gefühlt für uns allein. Nur an den Wegkreuzungen, wo verschiedene Rundwege aufeinander treffen, begegnen wir anderen Tagesausflüglern und Radfahrern. Einen kleinen Wegabschnitt gehen wir mit einem anderen „Renner“ – so werden die Wanderer auf dem Rennsteig genannt – zusammen. Er hat sich für die gesamten 169,9 Kilometer eine gute Woche Urlaub genommen. An einem kleinen Schieferbruch studieren wir noch die Infotafel, als er zügigen Schrittes und vor sich hin singend weiterzieht. Ob er wohl das Rennsteiglied singt?
 

3. Tag: Das Rennsteighaus 

Das Rennsteighaus in Brennersgrün © Svenja Walter

Das Highlight unserer dritten Etappe ist der kleine Ort Brennersgrün. Er besteht aus nur einer Straße. Selbst in den hübschen und liebevoll gestalteten Vorgärten finden sich hier Wegweiser, an denen ausgediente Wanderschuhe baumeln. „Gut Runst!“, heißt es darauf, was „Gute Wanderung!“ bedeutet. Alle Häuser sind mit dem regionaltypischen schwarzen Schiefer verkleidet. So auch das Rennsteighaus, das wir von weitem für eine kleine Kapelle gehalten haben. Es ist eine gut gepflegte Unterkunft für Wanderer mit Aufenthaltsraum, Schlafzimmern und einem abendlichen Pizza-Lieferservice. Im Gästebuch hat sich heute Vormittag schon ein Wanderer eingetragen und sich sehr über die unverhoffte Duschmöglichkeit gefreut. Wir wissen sofort, es muss der junge Mann mit dem großen Rucksack sein, der uns zuvor entgegengekommen ist. Zusammen mit dem singenden Wanderer gestern, macht das zwei Fernwanderer innerhalb von drei Tagen. Auf dem Rennsteig hat man also doch noch seine Ruhe. Im Aufenthaltsraum des Rennsteighauses bedienen wir uns an Getränken und einem köstlichen kleinen Schoko-Pfefferminz-Gebäck. Wer auch immer die gemacht hat: Es war ein Genuss und ich würde mich sehr über das Rezept freuen. Vielen Dank!

Wir überlegen, wie weit wir es heute noch schaffen können und blättern im kleinen Rennsteig-Wanderführer hin und her. Ich genieße es so sehr, den ganzen Tag draußen zu sein und wir würden gerne noch viel weiter gehen. Schließlich ermitteln wir dann doch Rodacherbrunn als unser heutiges Etappenziel und brechen auf. Während wir uns dem Ende unserer dreitägigen Wanderung nähern, schmieden wir schon Pläne für den letzten nun noch verbleibenden Abschnitt des Rennsteigs, von Rodacherbrunn bis Blankenstein. Nur noch 15 Kilometer stehen aus. Ich werde das Gefühl jedoch nicht los, dass mein Vater gar nicht am Ziel ankommen möchte. Am liebsten würde er die Wanderung auf dem altbewährten Rennsteig wohl noch lange fortsetzen.

 


Info: www.rennsteig.de
www.rennsteig.de/rennsteighaus-brennersgruen