Zu Fuß das Glück finden

Der Begriff „Glück“ hat viele Facetten. Beim Reisen und Wandern bedeutet er für mich, etwas zu erleben, womit ich nicht direkt gerechnet habe. Etwas, das mir Freude bereitet. Ein kleiner Moment oder auch etwas Großes. Wobei ich das „kleine“ Glück unterwegs auf den Pfaden und Wegen oftmals viel intensiver in Erinnerung behalte.

In meinem Rucksack ist deshalb dieses Mal eine passende Lektüre dabei, die hilft, genau solche Glücksmomente bei unserem Nachbarn in Belgien zu finden: "Glücksorte in den Ardennen". Autor Andreas Werner hat bereits einiges über die Region verfasst. Mit 80 Vorschlägen und Tipps zu besonderen Orten und Erlebnissen ist sein Buch ein perfekter Ausgangspunkt zur Glücks-Planung. Ganz wichtig dabei und das betont der Autor selbst: Es gilt seine eigenen Orte und Momente zu entdecken. Er selbst gibt erste Anreize und ich nutze, was mich interessiert und entdecke weiter.

Wandertipp: L’Ermitage des Cascatelles & Le Drapeau

Luftige Höhen und schmale Pfade bei Waulsort an der Maas

Wanderweg an der Maas mit Blick auf Klaksteinfelsen
Bühne frei für Wasser, Felsen und Wald.

Diese Wanderrunde hat mich schnell überzeugt und bestätigt mal wieder: In der Kürze liegt die Würze. Denn obwohl die Runde, je nach Wanderlaune, nur sechs bis acht Kilometer lang ist, vereint sie verschiedenste Wanderelemente, die einfach Spaß machen zu laufen: Schmale Pfade am Wiesenrand, breite schattige Uferpassagen, weiches Gras und harter Stein unter den Sohlen, ein paar Höhenmetern sowie eine fantastische Aussicht auf die Maas und eine gemütliche Fährfahrt. 

Unter der Woche ist man auf diesem Weg fast gänzlich allein unterwegs. Ich blieb oft stehen, um den Rundumblick zu genießen: Dort glitzert die Maas, hier scheinen die Kalksteinfelsen durch bewaldete Hänge und taunasses Gras drückt sich an die Waden. Besonders im Sommer punktet die Wanderung mit viel Schatten und überschaubaren Höhenmetern, die einem dennoch das Gefühl vermitteln, ganz weit oben angekommen zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass im Herbst das bunte Laub der Wälder diesem Weg und der Aussicht nochmal eine ganz neue Wirkung geben wird.

Was für ein Start in den Tag!

Lies hier denn ausführlichen Wandertipp

Die stille und langsame Entdeckung der Gärten & Parks der Wallonie

Der Vormittag wird mit einer ersten Wanderrunde gefüllt, ab Mittag folge ich den Schildern zu Parkanlagen, Schlössern und mittelalterlichen Gassen der Wallonie. Besonders an sommerlichen Tagen macht diese Kombination viel Freude. Meine Spaziergänge, les promenades, lassen mich architektonisch und historisch tiefer in die Region eintauchen. Die Wallonie ist eine Region, in der Natur und Kultur verschmelzen. Zu Fuß geht das natürlich am besten.

Bienvenue au Château de Jehay

Eingangsbereich Schloss Jehay in der Wallonie
Bitte Eintreten! Bereits der Weg zum Eingang von Schloss Jehay lässt mich Schönste Dinge vermuten.

Meine Schritte führen mich durch das Eingangsportal mit großen, massiven roten Türen in den Innenhof des Schlosses Jehay, in der Provinz Lüttich. Das Schloss ist ein seltenes Beispiel maasländischer Renaissance aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Gebäude mit seinem Wassergraben ist von einem großen Ziergarten umschlossen, den ich heute erkunden will. Zügig und kompetent werde ich von einer Dame an der Information mit einer Karte und ersten Tipps versorgt und ich gehe los.

In der Parkanlage aus dem 18. Jahrhundert gibt es viele Details zu erlaufen und ich empfehle sehr, sich die Zeit zu gönnen und auf sich in Ruhe wirken zu lassen. Besonders schön sind die Bronzenymphen, die die Wasserläufe an einem zentralen Weg akzentuieren und in Richtung Schloss blicken. Aber auch der alte, dunkle, etwas unheimliche Eiskeller aus dem 19. Jahrhundert, verstreute Bronzeskulpturen auf den Grasflächen sowie der riesige Gemüsegarten ziehen mich in den Bann.

Die Beete letzteren lassen mich spontan auf einer schattigen Bank pausieren. Ein Gärtner pflegt fleißig in der Sonne eine Parzelle, die Erbsen blühen und ich kann mir vorstellen, wie eindrücklich dieser Ort wirken muss, wenn saisonale, alte Gemüsesorten zu entdecken sind. Wenn ich könnte, würde ich hier einfach mit einem Buch in der Hand die nächsten Stunden glücklich verweilen.

Unter der Woche hat man das Gelände gefühlt für sich allein. Besonders unter dem Blätterdach im eingeschlossenen Waldgebiet fühle ich mich bestens aufgehoben und genieße das Vogelgezwitscher. Verschiedene Veranstaltungen finden das ganze Jahr über statt und im Innenhof gibt es die Möglichkeit, einen Kaffee oder auch ein lokales Bier zu genießen.

Eintauchen in die Wassergärten von Annevoie

Blickachse durch den Wassergarten von Annevoie
Blick über den ältesten Teil des Gartens "Die große Kaskade"

Eine weitere Empfehlung als Ausflugsziel, um Natur und Kultur zu erleben, sind die Wassergärten von Annevoie in der Provinz Namur. Hier plätschert, rauscht und tropft es hinter jeder Hecke und Kurve an den Wegen, die durch mehrere Stilrichtungen führen.

Seit über 250 Jahren werden die Anlagen durch die Quelle des Fonteny mit Wasser versorgt, völlig ohne Maschinen und Pumpen. Durch den 400 Meter langen oberhalb des Areals angelegten „Grand Canal“, werden die Wasserspiele betrieben. Dieses physikalisch durchdachte Detail zieht mich bereits in den Bann.

Mein persönlicher Glücksort im Garten ist die Seufzer-Allee – „L’Allée des Soupirs“. Der dicht überwachsende Tunnel mit einer kleinen Wasserfontäne, der Liebes-Fontäne, wirkt wie das Durchschreiten in eine andere Welt. Aber auch der Blick von der kleinen Brücke oberhalb des „Petit Canal“ in Richtung Schloss mit seinen Wasserstufen hat es mir angetan.

Aus diesem Garten werden vor allem Fotofans nicht so schnell wieder rauswollen. Die Geometrie des französischen Stiles ist eine Freude fürs Auge und wechselt sich ganz wunderbar mit dem italienischen Stil und dem naturimitierenden englischen Stil ab. Ein sehr informatives, schönes Museum vertieft die Geschichte dieses Ortes zusätzlich. Und zum Abschluss kann im Restaurant vor Ort eine Genusspause eingeplant werden.

Wandertipp:

Von Annevoie aus erreicht man nach 20 Minuten Autofahrt das Tal der Moligneé. Bereits die Fahrt über die schmale und kurvige Straße am Rand des Flüsschens durch alte Bahnbrücken hat mich begeistert.

In der dahinterliegenden Ortschaft Faläen, die zur Vereinigung der Schönsten Dörfer der Wallonie gehört,  kann dann das Auto geparkt und eine Wanderrunde von knapp zehn Kilometern gestartet werden. Der Weg führt zunächst noch über offene Felder und entlang schmaler Straßen, bevor er in den schattigen Wald und das idyllische Bachtal der Flavion führt. Hier finden sich im Kalkstein Grotten und Höhlen, in denen bereits zur prähistorischen Zeit Menschen siedelten.

Schließlich kreuzt der Weg die große Ruine der mittelalterlichen Burg Montaigle. Wer möchte, plant einen Abstecher auf das Gelände mit archäologischem Museum ein.

Eine schöne Wanderrunde zum Auftakt eines weiteren Glücktages in der Wallonie.

Einkehr & Genusstipp: Im Ort Faläen führt der Wanderweg direkt am Restaurant La Fermette – Der kleine Bauernhof – vorbei. Hier erfährt der Gaumen bei einem Drei-Gänge-Menü, wechselnd nach Saison, absolute Freuden. Geführt wird die einladende und ausgezeichnete Gastronomie von Sarah Bohet und Michaël Vancraeynest, die gerne auch mal mit Aromen experimentieren. Ich persönlich fand das Erlebnis vor Ort einfach nur fantastisch lecker. 

Kirchenschiff, Zitadelle & Froschkonzert

Abtei Maredsous

Blick auf einen Teil der Abtei Maredsous
Blick auf einen Teil der Gebäude und Basilika der Abtei Maredsous.

Spontan mache ich einen Schlenker vom Ort Faläen hinüber zur Abtei Maredsous. Die kurze Fahrt endet durch eine wunderschöne Allee mit alten Bäumen direkt vor den Gemäuern des 1872 gegründeten Benediktinerklosters.

Der riesige Parkplatz ist bei meinem Besuch am späten Nachmittag wenig gefüllt, lässt aber erahnen, wie viele Gäste und Pilger dieser Ort bereit ist zu empfangen. Ich gehe zielstrebig zur Basilika des Heiligen Benedikt und tauche in die kühle Luft des gotischen Baus ein. Bis auf eine weitere Person bin ich allein und langsam umherblickend, durchquere ich diesen ruhigen Ort unter den hohen Decken und Bögen. Ich selbst bin nicht sehr gläubig, doch Kirchenschiffe wie dieses lassen bei mir glückliche Kindheitserinnerungen mit meiner Oma wach werden, die es sich nie nehmen ließ, mindestens ein Lied zu Besuch in einer Kirche zu singen. Heute singe ich zwar nicht – sonst ist die Kirche gleich wirklich leer – doch eine Kerze zünde ich für die Erinnerungen gerne an.

Vor Ort wird übrigens der Schnittkäse Maredsous sowie das Abteibier Maredsous hergestellt. Es können Führungen über das Areal genutzt werden, darunter auch eine Schlemmertour. 

Mein Tipp: Eine Spazierrunde durch die angrenzenden Wälder und das Molignée-Tal. Entweder auf eigene Faust oder mit ein paar hilfreichen Infos direkt aus dem Empfangszentrum Saint-Joseph.

Die Zitadelle von Dinant

Blick auf die Stadt Dinant an der Maas in Belgien
Die Zitadelle ragt über die Stadt Dinant und die bunten Fassaden der Häuser.

Auf dem Weg in Richtung Hastière, wo meine Unterkunft, das Hotel Les Sorbiers, mich erwartet, führt die Straße durch Dinant. Es lohnt sich anzuhalten. Der Blick auf die Stadtkulisse mit der darüber ragenden Zitadelle und den Kirchentürmen der Stiftskirche "La Collégiale" ist fantastisch.

Ich bleibe dem Trubel der Innenstadt etwas fern und blicke vom anderen Ufer auf die Spiegelung der Stadt in der Maas. Dabei geselle ich mich zu den Einheimischen, die im Schatten einiger Bäume ihre abendliche Gassirunde abschließen oder sich mit Freunden zum Quatschen treffen. Die Zitadelle kann natürlich besucht werden und gibt eine weite Aussicht über Dinant und die Maas frei.

Wandertipp mit Glücksfaktor: Ein kleiner, aber interessanter Wanderweg im archäologischen Park in Furfooz ist nur eine Viertelstunde südlich von Dinant entfernt. Höhlen, Felsen und eine Reise durch die Menschheitsgeschichte können einen ganzen Tag voller Erlebnisse rund um Dinant bereits füllen. Eine tolle Gelegenheit, wenn man plant, mehrere Tage in der Wallonie zu verbringen.

Erholungsmoment & Tagesabschluss am stillen Ufer der Maas

Blühender Klee im Garten des Hotel Les Sorbiers
Ein verträumter Blick durch den blühenden Klee im großen Garten des Hotels Les Sorbiers.

Nach einem vollen Tag vieler kleiner Erlebnisse und halbtägigen Wanderrunden ist meine Unterkunft, das Hotel Les Sorbiers, ein perfekter Erholungsort. Versteckt hinter einem unscheinbaren Abzweig führt die Straße auf das siebzehn Hektar große Areal direkt an der Maas.

Das Hauptgebäude erinnert an eine kleine Sommerresidenz mit seinen Giebeln, Verzierungen, Erkern und Säulen. Umringt von Bäumen, Wiesen und kleinen versteckten Orten zum Entspannen, kann man hier die Beine ein letztes Mal für den Tag vertreten. Auf der Terrasse mit Sonnendach lockt ein leckeres Abendessen mit Blick ins Grüne. An diesem Ort hat mir alles gefallen.

Ich öffne nach Sonnenuntergang die Türen des kleinen Balkons in Richtung Fluss und die erste kühle Luft vom Wasser und Wald strömt in mein hübsches Zimmer. Während mich langsam der Schlaf einholt, fangen Frösche an zu quaken und ich versinke in meinem Bett zwischen der hohen Decke und liebevoll knarzendem Holzboden. 

Vom Hotel aus können verschiedene Ausflugsziele angefahren werden, um jeden Tag etwas Neues in der Wallonie zu erleben.

Hohes Venn & hohes Bier

Nun führen mich die Straßen wieder näher in Richtung Heimat. Ich erzähle sicherlich nichts Neues, wenn ich sage, dass das Hohe Venn bekannt ist für wunderschöne Wege, teilweise über Holzstege, durch geschützte Naturräume einzigartiger Flora und Fauna. Grenzüberschreitend ist der Naturpark eine wahre Wanderbrücke zwischen uns Nachbarn und zu jeder Jahreszeit besonders.

Der Wanderparkplatz am Signal de Brotange als auch die Michelshütte, Baraque Michel, eignen sich bestens für eine Wanderrunde durch den Naturpark in der Nähe von Waimes. Warum Waimes? Mich lockt ein weiterer Genusstipp aus dem Buch, welches meine Wallonie-Tour begleitet: Die Belgium Peak Beer Brauerei. Zwischen dem Hohen Venn und einem abschließenden Besuch mit "hoch" gebrautem Bier endet mein Tag auf der Sonnenterrasse des Restaurants der Brauerei. Mit dem Blick über die Baumwipfel erlebe ich wieder diesen kleinen, aber nachhallenden Glücksmoment. Was für ein erlebnisreicher Besuch bei unseren Nachbarn in Belgien – und was für ein Glück kleine und feine Wanderungen in einem auslösen können.