Text: Carolin Glanzner, Fotos: Yannik Hofmann
160 Kilometer, zehn Tage, wird uns der Arctic Circle Trail am Polarkreis entlangführen. Von Kangerlussuaq nach Sisimiut. Vom grönländischen Eisschild zum Ozean. Trotz zunehmender Popularität in den letzten Jahren gilt der Arctic Circle Trail noch immer als einer der abgelegensten Trails der Welt. Es gibt kein Handynetz oder gar Internetempfang, keine Verpflegungsmöglichkeiten oder auch nur eine Spur von Zivilisation entlang des Weges. Keine lärmende, stinkende Zivilisation, keine Ablenkung. Reizvoll und abschreckend zugleich.
„Laufen Sie den Trail nur, wenn Sie ein erfahrener Back-Country-Hiker sind. Auf dem Arctic Circle Trail sind Sie im Notfall auf sich allein gestellt.“, lese ich mit angstgeweiteten Augen auf der Website des Trails. „Denkst du wirklich, dass das etwas für uns ist?“, frage ich meinen Partner Yannik. „Klar, wir sind doch schon ein paar Trails gegangen.“ Wochenlang überlegen wir hin und her. Dabei ist uns beiden klar: Wir werden den ACT laufen. Zu groß ist der Reiz, die Herausforderung. Zu sehr wollen wir ausbrechen, für zehn Tage alles hinter uns lassen.
Immer. Weiter. Gehen
Ich heule wie ein Schlosshund, stolpere unbeholfen hinter Yannik her. Stolze fünf Kilometer haben wir auf der ersten Etappe des ACT von der ehemaligen Forschungsstation Kellyville zur Katifik-Hütte zurückgelegt. Only 17 to go! Eines steht fest: Wir haben den Trail unterschätzt.
Auf dem Papier kommt der Trail scheinbar einfach daher. Dennoch sorgt Mutter Natur dafür, dass selbst erfahrenste Langstreckenwandernde, die normalerweise 30 Kilometer und mehr an einem Tag gehen, nur mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 2 bis 2,5 km pro Stunde vorankriechen. Wir versinken Dank voranschreitender Gletscherschmelze im Permafrostboden, immer wieder knöcheltief in feuchten Moosen und Morast. Ein Großteil der flachen Tundralandschaft, durch die der Trail mäandert, gleicht einem Sumpfgebiet; manche Streckenabschnitte stehen komplett unter Wasser.
Kilometer für Kilometer, Stunde um Stunde, vorbei an spiegelglatten Seen, über mal steilere, mal flachere moosgrüne Hügel quälen wir uns vorwärts. Der schwere Rucksack drückt auf meinen Schultern, die Haut an meinen Hüftknochen ist schmerzhaft zwischen Gurt und Hose eingeklemmt, Knie und Achillessehnen reagieren gereizt bei jedem Schritt. Mein schweißgetränktes Shirt klebt am Körper, sobald ich stehen bleibe, wird mir eiskalt.
Wir folgen dem Pfad einen weiteren Hügel hinunter. „Das ist doch ein Scherz!“, presse ich verzweifelt zwischen den Zähnen hervor. Der vor uns liegende Trailabschnitt steht unter Wasser. Ich zetere, trete gegen den Rucksack. Doch es hilft nichts. Wir müssen da durch. Wie tausend Nadelstiche bohrt sich die Kälte in meine Haut. Das Wasser reicht mir bis zur Hüfte. Ich schreie vor Wut und Schmerz. Ins Nichts. Kein Mensch ist hier draußen. Die Natur mit ihrer schier unendlichen Weite, ihrer Größe, ihrer Macht wirkt bedrohlich. Rückt näher. Verhöhnt uns. Schließt sich wie eine feste, kalte Hand um meine Kehle.
Ich. Kann. Nicht. Mehr.
Doch ich gehe weiter. Immer weiter. Wir erreichen die Hütte nach 22 Kilometern in zwölf Stunden. Scham und Demut überkommen mich, denke ich an den ersten Tag auf dem ACT zurück. Hochmütig glaubte ich mich gegen alles, was der Trail bereithalten würde, gewappnet – sportlich und erfahren wie ich doch war. Stattdessen schnaufte ich wie eine Dampflock hinter dem stets unbekümmerten, schlaksigen Yannik her. Jim Knopf und die kleine Lokomotive. Ich hatte vergessen, dass Stärke beim Wandern vor allem Klarheit im Kopf bedeutet. Sich einzulassen. Loszulassen. Doch so weit war ich noch nicht.
Von rüstigen Rentnern, Eros Ramazotti und Thruhikern
Vor dem kleinen quadratischen Fenster der winzigen Ikattooq Hütte versinkt die Welt in dichtem, weißem Nebel. Die eiskalte Nässe draußen hat uns am vierten Abend auf dem Trail das feste Dach über dem Kopf vorziehen lassen. Mit diesem Gedanken sind wir keineswegs allein.
Schon bald heizen vier Gaskocher die kleine Hütte ordentlich auf, der Hikerstink von sechs Wanderern lässt die Fensterscheiben beschlagen. Doch das macht nichts. Hier draußen verschmelzen Weiblein und Männlein zu einer androgynen, müffelnden Masse. Für Peinlichkeiten gibt es keinen Platz.
Mit noch immer vor Kälte steifen Fingern und triefenden Nasen lümmeln Yannik, Tim und ich vor unseren Gaskochern. „Ich war mit meiner Frau auf Kreuzfahrt hier in Grönland und habe unterwegs vom Arctic Circle Trail gehört. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen!“, Tim’s wässrige Augen leuchten. Der 70-Jährige erzählt ohne Punkt und Komma. „Ich bin in Sisimiut von Bord gegangen, habe mich dort ausrüsten lassen und bin einfach gestartet!“
Erst als Alfredo mit flatterndem schwarzen Schnauzer hereinpoltert und verkündet, er könne draußen kein Feuer machen – kein Wunder, in einem Land ohne Bäume – reißt Tims Redeschwall ab. Giovanni, der zweite Italiener im Bunde, kramt derweil, Eros Ramazotti summend, Trüffelöl und ein großes Stück echten Parmesan aus seinem Rucksack.
Und dann ist da noch Karl. Breit grinsend hockt er auf dem Hüttenboden. Neben ihm seine zerfledderten Trailrunner und ein winziger Rucksack. Yannik beobachtet ihn aufmerksam. „Bist du ein Thruhiker?“, so etwas wie Ehrfurcht klingt in seiner Stimme. „Oh ja, ich bin den Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada und andere Weitwanderwege gegangen“!, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Ein bewunderndes „Uuuuuuh“ erfüllt die Hütte. Den restlichen Abend muss Karl sämtliche Wanderfragen beantworten.
„Warum magst du das Weiterwandern so?“, fragt Yannik ihn noch, während wir allesamt in sexy langen Unterhosen in unsere Schlafsäcke kriechen. „Ich bin Klimaforscher. Diese ständige Überzeugungsarbeit ist so frustrierend. Wenn ich wandere, kann ich das hinter mir lassen. Da bin ich dann ganz bei mir.“, Karl wirkt auf einmal sehr müde.
Ich bin froh, dass wir in dieser Nacht zu sechst sind, wenn auch etwas beengt. Die Gemeinschaft mindert die Angst vor der kommenden Etappe. Irgendwie werden wir es schon über den Itineq River, die schwierigste Flussfurt auf dem ACT, schaffen, versichern wir uns gegenseitig.
Die Brücke
„Da komme ich nicht rüber“, enttäuscht stochere ich mit meinem Trekking-Stock in dem weiß schäumenden Itineq River. Ich erreiche nicht einmal den Grund. Mürrisch stapfen wir zurück zu dem blauen Wegweiser mit der Aufschrift „New Bridge“, der ins Nichts weist, aber eine Alternative zur Durchquerung des Itineq River bietet.
Im Schneckentempo folgen wir dem Pfeil des GPS-Geräts durch die Tundra. Jeder Meter zieht sich wie Kaugummi. Ich versuche abzuschätzen, an welchen Stellen der durchweichte Untergrund mein Gewicht, ohne nachzugeben, tragen könnte. Schwomp! Da versinke ich schon knietief im Wasser. Das kalte Nass dringt von oben in meinen Schuh hinein, durchnässt Socken und Sohle, sammelt sich vorne an den Zehen. „Verdammt!“, mit einem schlürfenden Geräusch ziehe ich das Bein aus dem Morast. „Jetzt ist sowieso alles egal“. Schwomp - das nächste Loch.
Schwankend und wankend, mit letzter Kraft, erreichen wir die hölzerne Brücke. Heroisch reiße ich die Arme nach oben, lasse mich von dem Gewicht meines Rucksacks nach unten ziehen, bis ich rücklings auf dem Holz lande. Unter mir rauscht das Wasser vorbei, ein Fisch schwimmt tapfer gegen die Strömung an.
Licht und Schatten des Arctic Circle Trail
„Im Frühtau zu Berge, wir zieh’n Fallara!“, singe ich ausgelassen, während wir unter strahlendem Sonnenschein, trocknen Fußes dahin schreiten. Immer wieder blicken wir über unsere Schulter zurück auf das „Lake House“. Wie gemalt liegt die rote Hütte mit den weißen Fensterrahmen am Ufer eines Sees, eingebettet in sanfte Hügel deren Bewuchs in warmem herbstgelb leuchtet.
Nichts kann an diesem achten Tag unsere Laune trüben, bis wir tiefe Furchen im weichen Tundraboden entdecken. Moose, Flechten, Beeren und Pilze wurden zu kackbraunem Einheitsbrei verarbeitet. Es ist der ATV-Trek für Quads, der erst 2025 entlang der letzten Etappen des ACT als Touristen-Attraktion angelegt wurde.
„Das macht alles kaputt! Das ist schlecht für die Natur!“, wird uns Johann, der Erfinder und Erstbegeher des Arctic Circle Trails, einige Tage später in Sisimiut resigniert erzählen. Für der Idee zum Arctic Circle Trail hatte sich der 80-Jährige vor vielen Jahren auf dem schwedischen Kungsleden inspirieren lassen. Anders als der Kungsleden, erhält der ACT jedoch keinerlei staatliche Förderung. Das Trail-Management liegt in der Hand von Freiwilligen. Instandsetzungen sind so kaum möglich. Mit den steigenden Temperaturen und immer mehr Wandernden nehmen Erosion und Vermüllung zu. Ohne angemessene Finanzierung wird der Trail auf lange Sicht nicht weiter bestehen können.
Auf die Freiheit
Die letzten drei Etappen ist der Trail uns wohlgesonnen. Tagsüber laufen wir unter einem kitschig-blauen Himmel im strahlenden Sonnenschein im T-Shirt; nachts beobachten wir dick eingemummelt bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt die grün und violett tanzenden Nordlichter. Was Mutter Erde nicht alles für uns tut.
Unsere Gedanken kreisen derweil – nach acht Tagen in der Wildnis – nur noch um eines: Essen. Ständig muss ich mich versichern, wie viel Proviant wir noch haben. Frage mich, wann wohl der beste Zeitpunkt ist, um den Marzipan-Riegel zu essen, den ich mir mit viel Disziplin bis jetzt aufgespart habe. Ein Glück, dass wir am vorletzten Abend, 20 Kilometer von Sisimiut entfernt in der Hütte Kangerluarsuq Tulleq Nord, die malerisch auf einer Klippe oberhalb des Fjords thront, erneut Gesellschaft bekommen: Marek, Šimon und Andrei, Vater und Sohn mit seinem Kumpel aus Tschechien.
„Magst du Schnaps?“, fragt Marek und hält mir einen silbernen Flachmann entgegen. Lachfältchen kräuseln sich um seine Augen. Ich greife nach der Flasche. „Alle Deutschen mögen Schnaps.“ „Nicht so sehr wie wir Tschechen!“, erwidert Marek und jeder nimmt noch einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann. Dann werden Spielkarten verteilt und Schokolade herumgereicht.
Wir lachen laut und viel, reden über das Wandern, philosophieren über das Leben, verbessern die Welt und die Zeit fliegt nur so dahin. Es sind Gespräche, so offen, so unvoreingenommen, wie wir sie in Berlin oder Prag – wären wir uns dort begegnet – niemals hätten führen können.
Während sich der Himmel vor dem Hüttenfenster samtig blau färbt und die ersten Sterne am Firmament zu funkeln beginnen, wünsche ich mir, dieser Abend voller Unbeschwertheit, Heiterkeit und Verbundenheit würde niemals enden. Wünsche mir, der Trail würde niemals enden. Was vor acht Tagen noch Hölle war, ist nun Paradies. Unser grünes Zelt wurde zum Schloss, die Tütensuppe zum Festmahl. Die Natur zu meinem Reich. Warum die Freiheit, die Einfachheit hier draußen aufgeben? Warum nicht einfach weiter wandern?
Der Arctic Circle Trail auf einen Blick
Länge: 160 Kilometer, etwa 10 Tage
Start/Ziel: Von Kangerlussuaq nach Sisimiut in West-Grönland
Schwierigkeit: Anspruchsvoll
Markierung: Roter Halbkreis auf Steinmännchen bietet eine grobe Orientierung. GPS und Karten zur Navigation sind aber unerlässlich.
Reisezeit: Mitte Juni bis Mitte September
Übernachtung: Im eigenen Zelt. Die wenigen Hütten können voll sein.
Verpflegung: Entlang des Weges gibt es keine Möglichkeit Verpflegung nachzukaufen.
Ganz wichtig: Leave no Trace! Du musst deinen gesamten Müll (auch Klopapier!) mitnehmen.
Info: www.arcticcircletrail.gl, www.visitgreenland.com
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