Der Zöllnerpfad (GR 34) folgt auf über 2.000 km einem alten Küstenpfad in der Bretagne. Autorin und häufige Frankreichbesucherin Nina Rühlig ist für 12 Etappen eingetaucht in die bretonische Landschaft und Lebensart – "Savoir vivre" auf dem Weitwanderweg!

Auf den Spuren der Zöllner

Schmal schlängelt sich der Weg an der Küste entlang und beim Blick aufs Meer kann ich mir lebhaft vorstellen, wie einst die Zöllner hier ihrem Dienst nachgingen. Um die 20.000 sollen es gewesen sein, die Tag und Nacht, bei Wind und Wetter Ausschau nach Schmugglern und Plünderern halten mussten. Doch das ist lang her: 1791 angelegt, verschwand der Weg an der fanzösischen Atlantikküste irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der gedanklichen Versenkung. Erst Anfang der 1960er kamen die ersten Ideen auf, diese Wege als Wanderweg auszuweisen.

Eine Frau mit windzerzaustem Haar sitzt auf einem Stein an der Küste
Autorin Nina Rühlig

1968 war es dann soweit: das erste Teilstück des heute insgesamt 2.000 Kilometer langen Zöllnerpfades, der sich vom Mont-Saint-Michel bis nach Saint-Nazaire entlang der gesamten bretonischen Küste zieht, wurde eingeweiht. Sich bei einem so beeindruckenden Weg ein Teilstück auszuwählen, ist nicht ganz leicht. Letztendlich fällt meine Wahl dann auf einen Abschnitt im äußersten Westen der Bretagne. 

Rund 240 Kilometer, 12 geplante Etappen, von Le Faou aus auf die Crozon-Halbinsel, dann über die Bucht von Douarnenez aufs Cap Sizun und – vorbei an der Pointe du Raz – bis nach Audierne. Start und Ziel sind gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen und die Gegend ist schön – beste Voraussetzungen also für eine wunderbare Tour. Und auch für den Wanderführer, den ich hierüber schreiben werde.

Ein Pfahl mit Wanderwegmarkierungen steht vor einer Meeresbucht mit schroffen Felsen im Wasser
Wegmarkierung auf dem Zöllnerpfad

Vorfreude auf die Bretagne

Mit meinem treuen Wanderbegleiter – meinem 55 Liter Rucksack, gepackt mit Zelt, eBook-Reader und sonstiger wichtiger Ausrüstung – reise ich mit Bus und Bahn zu meinem gewählten Startpunkt in La Faou. Ich bin voller Vorfreude auf diese 12 Etappen auf überwiegend alten Pfaden am Meer – und hoffe auf Sonnenschein im Gesicht und Ausblicke, die schöner nicht sein können.

Die Ernüchterung folgt gleich am ersten Morgen. Ich brauche gar nicht aus dem Zimmerfenster zu schauen: der Starkregen und das Gewitter sind unüberhörbar. Ich gehe also zunächst einen Kaffee trinken, um abzuwarten. Kaum habe ich das Zimmer verlassen, kommt die Sonne raus und alles strahlt. An diese schnellen Wetterwechsel sollte ich mich gewöhnen, denn sie werden mich in den folgenden Tagen noch öfter begleiten. Auch das Gefühl für einen ganz speziellen bretonischen, sehr feinen Regen muss ich erst noch entwickeln. Bis dahin halte ich mich an die Bretonen: bleiben diese sitzen, kann ich das auch tun, denn der Nieselregen hält dann nur wenige Sekunden an.

Los geht´s – Der Weg über die Crozon Halbinsel

Den ersten Tag verbringe ich viel im Wald. Am Mittag bringt mich dann eine große und beeindruckende Brücke über den Fluss Aulne auf die Crozon-Halbinsel. Mein erstes Etappenziel, der kleine Ort Landévennec, gefällt mir gleich außerordentlich gut. Ich besichtige die Ruine einer alten Abtei und den Friedhof mit Meerblick und gehe in den von der Kommune geführten kleinen Laden. An der Tür hängt ein Zettel mit der Aufforderung, sich im Rathaus zu melden, falls der Laden geschlossen ist: „Das ist unsere Auffassung von Service.“ Sehr freundlich und kundenorientiert, wie ich finde. Ich stelle mein Zelt auf dem kleinen kommunalen Campingplatz auf und genieße die erste richtige Wandernacht.

Im inneren eines steinernen Gebäudes fällt Licht durch einen runden Eingang, eine große Infotafel an der Wand
Im Fort du Gouin

Auch der nächste Tag bringt mich noch durch viel Wald, doch so langsam nähere ich mich dem Meer. Die Landschaft wird von Tag zu Tag offener und der Blick weiter. Immer wieder komme ich auf Crozon auch an militärischen Einrichtungen vorbei – und an Ruinen aus den Kriegen der letzten Jahrhunderte.

Über Klippen und entlang zerklüfteter Felsen, vorbei an Stränden und Buchten sowie durch ein paar kleinere Ortschaften laufe ich an der Nordseite der Halbinsel in Richtung ihrer Spitze. Die Klippen werden immer höher und flachen danach an der Südseite wieder ab. Ein Aussichtspunkt jagt den nächsten und die Entscheidung, wo ich Pause mache, ist manchmal ganz schön schwer. Es gibt einfach zu viele tolle Stellen und obwohl ich keinen Zeitdruck habe, will ich doch ab und zu auch etwas laufen. Einige Male muss ich aber einfach anhalten: um zu picknicken, die Gedanken schweifen zu lassen oder einfach nur aufs Meer zu schauen.

Ein schmaler Pfad auf einer mit Gras bewachsenen Klippe und eine kleine steinige Bucht.
Steil bergab geht es ans Meer

Da ich mein Zelt dabei habe, bin ich flexibel und kann jeden Tag, jede Stunde neu entscheiden, wie weit ich gehe und wo ich übernachte. Mal laufe ich lange Etappen, mal nur wenige Kilometer – ich lasse mich treiben, sowie es mir gut tut.

Vom Weg abgekommen

Kurz vor dem Ende von Crozon – fast schon in Sichtweite der Stadt Douarnenez – schaffe ich es dann, mich gründlich zu verlaufen. Ich folge einer gut sichtbaren rot-weißen Markierung und komme immer weiter ins Landesinnere. Der Blick aufs Handy und den GPS-Track verrät mir, dass die Richtung eigentlich nicht passt – doch laut der rot-weißen Zeichen bin ich auf dem richtigen Weg. Da der Track, den ich dabei habe, an vielen Stellen veraltet ist, laufe ich zunächst einfach weiter. Irgendwann wird mir klar, dass dieser Weg nicht stimmen kann. Und da die Standortanzeige am Handy spinnt, weiß ich auch nicht mehr, wo ich eigentlich bin. Also laufe ich zurück bis zur nächsten kleinen Ortschaft. Dort stelle ich mich etwas geschafft an die Straße und trampe einfach nach Douarnenez.

Eine Wegmarkierung auf einem Stein am Wegesrand
Wegmarkierung der GRs in Frankreich

Am Ende der Wanderung werde ich noch einmal hierher zurückkommen, um den richtigen Weg für den Wanderführer zu suchen und diesen aufzuzeichnen. Dabei stelle ich dann fest, dass es an der Stelle zwei Wanderwege mit der gleichen Markierung gibt und ich einfach der falschen gefolgt bin.

Douarnenez – buntes Treiben in der Hafenstadt

In der Stadt angekommen, gehe ich zuallererst auf den Markt. Das bunte Treiben und ein Café au lait lassen mich den Vormittag schnell vergessen und ich genieße das französische Flair. Austern liegen neben Fischen, Tomaten neben Obst und Brot und natürlich gibt es einen Crêpes-Stand. Was wäre eine Tour durch die Bretagne ohne Crêpes (süß) oder Galettes (herzhaft, mit Buchweizenmehl) in verschiedensten Ausführungen? Ich entscheide mich ganz schlicht für eine „Galette complète“, also die Variante mit Schinken, Käse und Ei.

Blick auf Häuser am Hafen und den Hafen selbst
An der Promenade von Douarnenez

Die Stadt insgesamt beeindruckt mich, auch mit ihrer Geschichte. Vor über 100 Jahren, als der Sardinenfang der Hauptwirtschaftszweig der Stadt war, streikten die Arbeiterinnen in den 21 Sardinenfarbiken 47 Tage lang, letztlich erfolgreich, für bessere Arbeitsbedingungen. Irgendwie gefällt es mir hier in dieser schönen Hafenstadt mit ihrem bunten Treiben, aber ich habe mir schon einen Ort ausgesucht, an dem ich heute übernachten will: Am Vormittag habe ich Lydie angeschrieben, eine Gastgeberin auf meinem Weg. Sie hat einen Stellplatz für mein Zelt frei und so kündige ich mein Kommen für den Abend an.

Auf´s Cap Sizun – eine Gegend der wohltuenden Stille

Kurz nach der Stadt wird der Weg dann wieder hügeliger und schmal und läuft immer nah am Meer entlang. Bis zu meinem heutigen Etappenziel, dem wunderschönen Strand Pors Peron, kommt erstmal gar nichts: kein Ort, kein Café und auch sonst nichts. Es ist insgesamt ruhiger hier auf dem Cap Sizun: die Orte entlang des Weges liegen alle etwas im Landesinneren und die Wege sind weitgehend menschenleer. Ich genieße diese Ruhe beim Laufen und erfreue mich am Unterwegssein.

Sandstrand mit türkisblauem Wasser und saftig grünen Klippen
Am Strand von Pors Perron

Kurz bevor ich da bin, raste ich am sehr schön gelegenen Phare du Milier, einem Leuchtturm, der eigentlich aussieht wie ein Haus. In der Hauptsaison werden hier Ausstellungen lokaler Künstlerinnen und Künstler gezeigt, zudem ist momentan eine Sanierung des Gebäudes geplant: es soll zukünftig Zimmer und ein Café geben. Ich bin gespannt, ob dieses Projekt tatsächlich umgesetzt wird. Der Platz bietet sich auf jeden Fall für eine Pause an – ob mit oder ohne Café – und auch eine Übernachtung ist hier sicher toll.

Einsames kleines Haus an der Küste
Der Leuchtturm Phare de Milier

Recht müde komme ich nach einem langen und intensiven Wandertag bei Lydie an. Als sie mir anstelle des Zeltplatzes eine kleine Holzhütte auf ihrem Gelände anbietet, jubiliere ich. Nach mittlerweile 7 Nächten im Zelt genieße ich es, ein echtes Bett zu bekommen. Es ist so schön dort, dass ich gleich drei Nächte bleibe und mir zwei ruhige Tage gönne. Wie schnell die Glücksschwelle beim Wandern doch immer sinkt: Ein gemütliches Bett, ein schlichtes Abendessen im Garten, ein Sonnenuntergang über dem Meer, mehr braucht es nicht. Mich macht dieses Leben unterwegs einfach glücklich.

Nach zwei sehr entspannten Tagen laufe ich voller Motivation und Freude weiter an wunderschönen Stränden und Buchten entlang. An einem Mittag mache ich Pause am „Ty Felix“, einem winzig kleinen Haus mit Meerblick, das ein Mann aus einem umliegenden Dorf einst gebaut hatte, um dort mit einem Hund, einer Kuh, einer Ente und einem Huhn zu leben. Es ist ein Platz, an dem ein einfaches Leben vorstellbar und die ganze Ruhe des Cap Sizun spürbar wird.

Kleines Haus im Grünen, dahinter liegt das Meer
Das kleine Haus Ty Felix

Am Abend muss ich den Weg dann verlassen, um zu meiner Unterkunft zu kommen: Ich habe in einer Crêperie angefragt, in der auch Zimmer vermietet werden. Der Chef Anthony empfängt mich als einzigen Gast und bewirtet mich abends mit einem Menu Randonneur (Wanderermenü), das aus zwei Gängen besteht: als Hauptgericht Galette complète und süße Crêpes als Nachtisch. Und auch zum Frühstück gibt es Crêpes, da die einzige Bäckerei im Ort an diesem Tag geschlossen ist.

Ein Crêpe mit Spiegelei und Salat
Die Galette complète ist Teil des Menu Randonneur, des Wanderermenüs

An meinem vorletzten Tag auf dem Zöllnerpfad komme ich dann über die Pointe du Van und eine große Bucht an die Pointe du Raz – es ist nun das erste Mal seit Tagen voll. Ein großer Parkplatz und Shuttlebusse führen dazu, dass hier auf den hohen und zerklüfteten Klippen ganz im Westen der Bretagne zahlreiche Menschen unterwegs sind, die im Laufe ihres Urlaubs mal für ein paar Stunden an der Pointe du Raz vorbeikommen. Doch nur wenige Meter nach diesem Kap ist der Trubel schon vorbei.

Sandiger Strand umgeben von grüner Küstenlandschaft
Die schönen Strände hören auch auf den letzten Kilometern nicht auf.

Ab hier wird der Weg wieder flacher, die Felsen niedriger und die Strände weiter. Ein paar Kilometer weiter verbringe ich, etwas außerhalb des Ortes Primelin, die letzte Nacht dieser Wanderung auf einem kommunal geführten Campingplatz. Und dann, nach 12 Tagen auf den Füßen, komme ich pünktlich zum Mittagessen in Audierne an, einer kleinen Stadt mit einem schönen Hafen sowie zahlreichen Restaurants und Cafés. Hinter mir liegen rund 240 genussvolle Kilometer, viele sonnige Tage in einer wunderschönen Landschaft und tolle Gastgeberinnen und Gastgeber.

Da ich noch etwas Zeit bis zu meiner Heimfahrt habe, fahre ich am Nachmittag zurück an den Strand Pors Peron und nehme mir auf dem dortigen Campingplatz für drei Nächte eine kleine Wanderhütte, erkunde das Cap Sizun mit einem Leihrad, sauge abends den Sonnenuntergang und das Rauschen des Meeres auf und lasse diese wunderschöne Tour und die Zeit in der Bretagne für mich ausklingen. Schon bei der Heimfahrt ist mir klar, dass ich auf jeden Fall wiederkommen werde.

Fakten zur Tour

· Start: Le Faou · Ziel: Audierne
· Distanz: 240 Kilometer (12 Etappen)
· An- und Abfahrt: mit öffentlichen Verkehrsmitteln über Quimper möglich
· Wanderzeit: Mai bis Oktober (August ist die französische Hauptreisezeit, Unterkünfte besser vorbuchen)
· Ausrüstung: Warme, wind- und regendichte Kleidung zu jeder Jahreszeit, Sonnenschutz
- für Übernachtungen in Mehrbettzimmern, oder in Wanderhütten auf Campingplätzen: Hüttenschlafsack
- Trailrunner oder halbhohe Wanderschuhe (die Wege sind recht einfach zu gehen)
- bei Trekkingstöcken müssen Gummikappen für die Stockspitzen verwendet werden, da der Boden teilweise sehr empfindlich ist
- Karte, Wanderführer, GPS-Tracks für Offline-Nutzung

Neuer Wanderführer

Der neue Wanderführer "Bretagne: Zöllnerpfad“ von Nina Rühlig über den hier beschriebenen Abschnitt von Le Faou bis Audierne ist im Januar 2026 im Conrad Stein Verlag erschienen. Er bietet genaue Etappenbeschreibungen, Hinweise zur Ausrüstung sowie zahlreiche Tipps zu Unterkünften und dem kulinarischen Angebot. Außerdem bietet er Wissenswertes von A-Z, Kartenausschnitte, Höhenprofile und einen GPS-Tracks für die gesamte Strecke zum Download. 
www.conrad-stein-verlag.de

Bucht mit Felsküste
Die wunderschöne Küste im Département du Finistère

Die bretonische Sprache

Als eigenständige Sprache keltischen Ursprungs hat das Bretonische überhaupt nichts mit dem Französischen zu tun. Gab es lange Zeit viele Menschen, die nur bretonisch sprachen, so sind heute nur noch sehr wenige zu finden, die dies können. Grund dafür ist, dass über eine lange Zeit hinweg das Sprechen dieser Sprache verboten war und die Menschen, die es trotzdem taten, bestraft, diskriminiert und ausgegrenzt wurden. Und auch wenn es mittlerweile Schulen gibt, in denen die Sprache wieder gelernt werden kann, ist ihre Verbreitung doch sehr gering. Sie gilt laut UNESCO als „ernsthaft gefährdete Sprache“, die vom Aussterben bedroht ist.

» Weitere Artikel von Nina Rühlig findet ihr übrigens auch auf OutdoorWelten:

GR10 – Mit Rucksack und Zelt durch die Pyrenäen
GR53 – Von Nord nach Süd durch die Vogesen 

Über die Autorin

Nina Rühlig ist Autorin der drei Wanderführer „Portugal: Fischerweg“, „Frankreich: Vogesen“ und „Bretagne: Zöllnerpfad“, hält Vorträge über ihre Wanderreisen und gibt Seminare zu den Themen Ausrüstung, Organisation und Vorbereitung von Mehrtagestouren. Über ihre Fernwandererfahrungen konnte sie unter anderem in der SWR- Sendung „Expedition in die Heimat“ berichten.
www.ninawandert.de