Drei Gipfel, unzählige ausgesetzte Gratpassagen, Kletterstellen bis zum II. Schwierigkeitsgrad und ein langer Abstieg durchs Wimbachgries machen sie zu einer der anspruchsvollsten Bergtouren Deutschlands, vor allem, wenn man sie wie wir an einem Tag plant.

Wer sie angeht, braucht Kondition, absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und stabile Verhältnisse, wird dafür aber mit einem Bergerlebnis belohnt, das seinesgleichen sucht.

Start in der Dunkelheit

Um 3:45 Uhr beginnt der Tag an der Wimbachbrücke. Außer dem Rauschen des Wimbachs ist kaum etwas zu hören. Im Schein der Stirnlampen führt der Weg zunächst durch den dunklen Bergwald stetig bergauf. Immer wieder huscht ein nachtaktives Tier über den Weg, kleine Insekten tanzen durch den Lichtkegel, ansonsten herrscht absolute Ruhe.

Mit jedem Höhenmeter kündigt sich langsam der Morgen an. Erst färbt sich der Horizont in warme Orangetöne, ehe schließlich die leuchtende Sonne hinter den umliegenden Gipfeln hervorkommt und den Wald in goldenes Licht taucht. Ein Moment, der den frühen Start sofort vergessen lässt.

Wanderer im Berghang mit Blick auf Gipfel
Der Weg gewinnt an Höhe und das Lichtspiel der Morgensonne begleitet.

Über die Stubenalm und später die Mitterkaseralm gewinnt der Weg weiter an Höhe. Die Almwiesen bleiben langsam zurück, das Gelände wird alpiner und schließlich liegt das eindrucksvoll auf einem Bergsporn gelegene Watzmannhaus vor uns. Viele nutzen die Hütte als Übernachtungsstützpunkt für eine zweitägige Überschreitung. Wir legen nur eine kurze Pause ein, der eigentliche Höhepunkt der Tour wartet erst noch.

Vom Watzmannhaus zum Hocheck

Hinter dem Watzmannhaus verändert sich die Landschaft deutlich. Der Bergwald verschwand schon unterhalb, doch auch die grünen Alm- und Wiesenflächen werden von Geröll und Fels abgelöst. Der Pfad zieht sich in zahlreichen Serpentinen durch die steilen Flanken nach oben. Jeder Schritt wird etwas anstrengender, die Luft kühler und die Aussicht beeindruckender.

Wanderer im Hang im Hintergrund eine Berghütte
Hinter dem Watzmannhaus verändert sich die Landschaft deutlich.

Rund dreieinhalb Stunden nach dem Start erreichen wir das Hocheck. Knapp 2.000 Höhenmeter liegen bereits hinter uns. Zeit für einen kurzen Schluck Wasser, ein Gipfelfoto und einen Blick auf das, was nun vor uns liegt: der berühmte Watzmanngrat.

Die legendäre Gratüberschreitung

Ab dem Hocheck beginnt der Abschnitt, der die Tour weltberühmt gemacht hat. Schmale Felsgrate, steile Flanken links und rechts und immer wieder leichte Kletterstellen verlangen höchste Konzentration. Viele Passagen sind mit Stahlseilen versichert und können mit einem Klettersteigset zusätzlich abgesichert werden. Dennoch bleiben zahlreiche Stellen ungesichert.

Bergsteiger auf Felsengrab
Schmale Felsgrate, steile Flanken – hier muss man trittsicher sein und sich konzentrieren.

Wer hier unterwegs ist, sollte sich im ausgesetzten Fels absolut sicher fühlen. Bei bestem Wetter kraxeln wir über den Grat Richtung Mittelspitze. Obwohl einer der heißesten Tage des Jahres angekündigt ist, genießen wir die angenehm kühle Morgenluft. Gleichzeitig wissen wir bereits jetzt, dass der lange Abstieg später zur echten Belastungsprobe werden dürfte.

Die Mittelspitze auf 2.713 Metern ist erreicht, der höchste Punkt des Watzmanns. Trotzdem ist die Tour hier noch lange nicht geschafft. Viele sehen die Südspitze als eigentliches Gipfelziel der Überschreitung und genau dorthin führt der anspruchsvollste Teil des Grates.

Ausgesetzte Kletterei bis zur Südspitze

Zwischen Mittel- und Südspitze wird das Gelände noch einmal anspruchsvoller. Schmale Gratstücke wechseln sich mit kurzen Kletterstellen bis zum II. Schwierigkeitsgrad ab. Tief unter uns fallen die Felswände mehrere hundert Meter ab. Jeder Griff und jeder Schritt will sauber gesetzt werden. Gerade diese Mischung aus Wandern, Kraxeln und leichtem Klettern macht den besonderen Reiz der Watzmannüberschreitung aus. Man bewegt sich ständig direkt auf dem Grat und erlebt eine Aussicht, die sich mit jedem Meter verändert.

Bergsteiger an gesicherter Gratstelle im Felsen
Wandern, Kraxeln und leichtem Klettern macht den besonderen Reiz der Watzmannüberschreitung aus.

An diesem Freitag ist überraschend wenig los. Keine Warteschlangen an den Schlüsselstellen, kein Gedränge auf den Gipfeln. Ein Luxus, den man am Watzmann längst nicht immer erlebt. Nach rund fünfeinhalb Stunden erreichen wir schließlich die Südspitze. Die schwierigsten Passagen liegen hinter uns. Es bleibt Zeit für eine kurze Rast und den Moment, diese außergewöhnliche Tour wirklich zu genießen.

Der lange Weg durchs Wimbachgries

Doch wer glaubt, jetzt sei der größte Teil geschafft, täuscht sich. Der Abstieg gilt für viele als der kräftezehrendste Abschnitt der gesamten Tour. Über bröseliges Geröll, rutschige Felsen und mehrere Kletterstellen geht es steil hinunter Richtung Wimbachgries. Gerade hier zeigt sich, wie wichtig ein Helm ist. Vor allem an stark frequentierten Tagen besteht immer wieder Steinschlaggefahr.

Mit jedem verlorenen Höhenmeter steigen die Temperaturen. Die Sonne brennt inzwischen erbarmungslos vom Himmel. Trotz 4,5 Litern Wasser zu Beginn der Tour werden die Reserven langsam knapp. Der Weg zieht sich scheinbar endlos über sandige und erosionsgeschädigte Passagen, die teilweise zusätzlich mit Eisenketten gesichert sind. Schließlich öffnet sich das Wimbachgries, eine gewaltige Steinlandschaft, die fast wie eine alpine Wüste wirkt.

Verdiente Einkehr und langer Ausklang

Die Wimbachgrieshütte wenig später kommt genau zur richtigen Zeit. Gulasch, Kuchen und eine große Spezi schmecken nach diesem Kraftakt besser als jedes Gourmetmenü. Wir lassen usn viel Zeit im Schatten der Schirme und lassen Füße wie Seele baumeln.

Anschließend folgt der letzte Abschnitt der Tour: der lange, technisch einfache Rückweg durch das Wimbachtal. Mittlerweile zeigt das Thermometer deutlich über 30 Grad. Immer wieder nutzen wir den Wimbach für eine kurze Abkühlung, bevor wir die letzten Kilometer zum Parkplatz zurücklegen.

Nach rund 9 Stunden und 15 Minuten reiner Gehzeit beziehungsweise knapp 12 Stunden Gesamtzeit erreichen wir schließlich wieder das Auto. 

Ein alpiner Klassiker, den man nie vergisst

Die Watzmannüberschreitung ist keine Tour für jedermann. Sie verlangt Erfahrung, Kondition und höchste Konzentration über viele Stunden hinweg. Wer die nötigen Voraussetzungen mitbringt und stabile Wetterbedingungen erwischt, erlebt jedoch eine der spektakulärsten Gratüberschreitungen der Alpen.

Aussicht von Berggipfel auf Täler und Seen
Es bleibt Zeit für eine kurze Rast und den Moment, diese außergewöhnliche Tour wirklich zu genießen.

Nicht Rekorde oder Gipfelzahlen bleiben dabei in Erinnerung, sondern das Gefühl, sich Schritt für Schritt über einen der berühmtesten Grate Deutschlands bewegt zu haben. Genau das macht die Watzmannüberschreitung zu einem Bergerlebnis, das lange nachwirkt.
 


Wichtiges für die Watzmannüberschreitung 

Trittsicherheit & Schwindelfreiheit

Die Watzmannüberschreitung ist eine hochalpine Gratüberschreitung mit ausgesetzten Passagen und Kletterstellen bis zum II. Schwierigkeitsgrad. Absolute Trittsicherheit und uneingeschränkte Schwindelfreiheit sind zwingend erforderlich.

Kondition

Je nach Variante warten rund 2.300 Höhenmeter im Aufstieg sowie 10 bis 15 Stunden Tourenzeit. Eine sehr gute Grundkondition und Ausdauer sind Voraussetzung. Wer will kann die Tour auf zwei Tage aufteilen und übernachtet auf dem Watzmannhaus.

Helm empfohlen, besser Pflicht

Ein Kletterhelm sollte zur Standardausrüstung gehören. Vor allem im langen Abstieg Richtung Wimbachgries besteht durch andere Bergsteiger immer wieder Steinschlaggefahr.

Klettersteigset – sinnvoll, aber kein Muss

Einige ausgesetzte Stellen sind mit Stahlseilen versichert. Wer sich damit sicherer fühlt, kann ein Klettersteigset nutzen. Es ersetzt jedoch weder alpine Erfahrung noch sicheres Bewegen im Fels, da viele Passagen ungesichert sind.

Ausreichend Wasser & Verpflegung

Unterwegs gibt es bis zur Wimbachgrieshütte kaum Möglichkeiten, Wasser nachzufüllen. An warmen Sommertagen sind mindestens 3 bis 5 Liter Flüssigkeit sowie ausreichend energiereiche Verpflegung empfehlenswert.

Wetter genau prüfen

Die Überschreitung sollte ausschließlich bei stabiler Wetterlage erfolgen. Gewitter, Regen, Nebel oder starker Wind erhöhen das Risiko auf den ausgesetzten Gratpassagen erheblich. Vor dem Start unbedingt den aktuellen Bergwetterbericht prüfen und bei unsicheren Bedingungen auf die Tour verzichten.

Früh starten

Ein Start vor Sonnenaufgang ist empfehlenswert. So bleibt ausreichend Zeit für die lange Tour und die schwierigsten Gratpassagen können meist noch in den kühleren Morgenstunden begangen werden. Zudem reduziert ein früher Aufbruch das Risiko, in nachmittägliche Wärmegewitter zu geraten.