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Von Redakteurin Svenja Walter
"Und du gehst dann ganz alleine?"
Wie oft habe ich diese Frage schon gehört, wenn ich von meiner Planung für einen Wanderurlaub erzählt habe. Ich muss dann immer ein bisschen schmunzeln und versichere: Ja, ich gehe alleine und ich freue mich richtig darauf! Die, die mich kennen, nehmen mir diese Antwort inzwischen meist ohne skeptische Nachfragen ab und glauben mir, dass ich das tatsächlich so meine. Manchmal gibt es ein anerkennendes Nicken, oft merke ich aber auch, dass mein Gegenüber irritiert ist und nicht so richtig weiß, was er oder sie dazu sagen soll. In manchen Gesprächen höre ich heraus, dass allein wandern langweilig oder einsam sei und dass es mit anderen zusammen einfach mehr Spaß mache.
Ich will das Gemeinsam-Wandern niemandem ausreden. Ich habe Wanderungen und Trekkingtouren auch mit Freundinnen gemacht und hatte viel Spaß! Schöne Erlebnisse zu teilen – oder auch den quälenden Aufstieg – verbindet und ist eine gute Erfahrung. Allein wandern ist aber auch eine schöne Erfahrung, nur anders, und ich finde, es sollte niemand davor zurückschrecken, einmal allein loszugehen. Es könnte danach zu Wiederholungen kommen. Es kann nämlich sogar ziemlich befreiend sein, festzustellen, dass man oder frau nicht auf andere angewiesen ist, um zu wandern oder reisen zu gehen. Deshalb folgen nun ein paar Gründe, warum es sich lohnt, allein wandern zu gehen.

Ein Geständnis noch zu Beginn: Auch wenn ich mich als empathischen Menschen sehe, muss ich zugeben, dass es mir etwas schwerfällt, mich in eine Person, die nicht gern allein wandert, hineinzuversetzen. Mir hat sich die Frage, ob ich allein wandern gehe oder nicht, nie gestellt. Ich bin immer schon gern allein gereist und ich plane auch Wanderungen zuerst mit mir allein.
Allein wandern hat für mich z. B. den Vorteil, dass ich nicht auf andere warten muss. Damit meine ich nicht während der Wanderung, weil ich so schnell wäre – eher das Gegenteil ist der Fall – sondern vor der Wanderung darauf warten, überhaupt loszukommen. Während es einerseits motivieren kann, eine gemeinsame Wanderung für einen bestimmten Tag zu planen, kann es auch ein Hinderungsgrund sein, keinen gemeinsamen Tag im Terminkalender zu finden. Besonders schwierig wird es bei mehrtägigen Wanderungen. Aber es wäre doch traurig, eine bestimmte Wanderung nicht machen zu können, weil es niemanden gibt, der mitkommt. Dafür ist mein Wunsch, eine bestimmte Landschaft zu Fuß zu entdecken, oft zu groß.
Hinzu kommt, dass ich Wandern nicht in erster Linie als Gruppenaktivität sehe, sondern vor allem als Zeit für mich. Zeit, in der ich mich wohlfühlen will, meiner Intuition folgen kann und mich um mich selbst kümmere. Ich kann früh morgens losgehen, wenn ich möchte oder mir extra viel Zeit beim Frühstück lassen, wenn ich das brauche. Ich kann in meinem eigenen Rhythmus gehen, Pausen dann machen, wenn ich sie brauche, stehenbleiben, um zu fotografieren, ohne dass ich befürchten muss, jemand anderen warten zu lassen. Ich habe Zeit, meinen eigenen Gedanken nachzuhängen oder meine Aufmerksamkeit voll und ganz auf die Natur zu richten. Das kann ich am besten, wenn ich allein gehe und nicht durch Gespräche abgelenkt bin.
Oft werde ich gefragt, ob ich nicht Angst habe, allein (als Frau) wandern zu gehen. Ich verstehe den Punkt, dass es in bestimmten Situationen schwieriger sein kann, Hilfe zu holen und dass in besonders alpinem Gelände ratsam ist, nicht allein zu gehen. Andernfalls ist nüchtern betrachtet die Wahrscheinlichkeit, dass mir (als Frau) etwas passiert oder angetan wird in der Stadt oder auf dem Weg zur Arbeit viel größer als draußen auf dem Wanderweg.
Wer allein wandert, begegnet sich selbst. Manche Menschen mag die Vorstellung abschrecken, dass sie während einer Wanderung mehrere Stunden mit sich und ihren Gedanken allein sind und diese anstrengend und belastend sein könnten. Dabei ist Wandern wahrscheinlich die beste Situation, um mit den eigenen Gedanken oder Problemen allein zu sein. Man ist in Bewegung, Bewegung hilft bei belastenden Gedanken, man kann sich am Anfang unmerklich, aber doch mit jedem Schritt ein Stück weiter von Sorgen und Ängsten entfernen. Die Landschaft hat oft eine beruhigende Wirkung, sie kann uns sogar ablenken, wenn wir das wollen, zwischendurch schauen wir auf die Karte und finden unseren Weg oder setzen im „Notfall“ Kopfhörer auf und hören Musik oder einen Podcast, der uns gute Laune macht.
Und sollte uns tatsächlich einmal langweilig werden, dann hilft vielleicht dieser Gedanke: Langeweile ist ein Zustand, in den wir nur sehr selten geraten, den wir normalerweise versuchen zu vermeiden – wir versuchen ständig beschäftigt zu sein oder uns abzulenken. Das ist gar nicht unbedingt unsere Schuld, unser immer aktives Gehirn kann gar nicht anders. Aber in dem Moment, in dem wir Langeweile oder anders gesagt Ruhe zulassen, eine weiße Leinwand vor unserem inneren Auge haben, ist da auch Platz und Zeit für neue Gedankengänge und Ideen. Die kommen beim Gehen in der Natur meiner Erfahrung nach von ganz allein. Gebt euch ein paar Kilometer, um den Alltag hinter euch zu lassen. Gebt euch eine Chance und geht allein.