Wir haben Dr. Marco Drehmann einige Fragen gestellt. Er ist Biologe, Zecken-Experte und Leiter des Naturschutzzentrums Schopflocher Alb.
"Angst und Unwohlsein [beim Zeckenthema] am besten mit Wissen und Klarheit begegnen."
Dr. Marco Drehmann
1. Welche Fehlbehauptung oder welcher Mythos ist immer noch besonders stark im Alltag anzutreffen, was die Zecke betrifft?
Marco Drehmann: Da gibt es einige. Der bekannteste ist aber wohl, dass Zecken von Bäumen fallen würden.
Der Mythos entstand angeblich durch einen Fehldruck in einem Interview und hat sich sehr gut in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Das war sicher auch eine einfache Antwort, wenn man sich nicht erklären konnte, wie genau jetzt eine Zecke auf einen gekommen ist. Zwischenzeitlich ist aber weitestgehend bekannt, das Zecken – damit ist speziell der Gemeine Holzbock gemeint – vor allem auf Gräsern und anderen niedrigen Pflanzen lauern.
Mein persönlicher Favorit ist jedoch die häufige Annahme, dass Zecken immer gleich aussehen würden. Tatsächlich kann man allein in Deutschland theoretisch auf über 20 verschiedene Zeckenarten stoßen. Auch innerhalb einer Art können sich Zecken stark unterscheiden. Sie haben mindestens drei Entwicklungsstadien nach dem Ei und auch Männchen und Weibchen sehen i.d.R. sehr unterschiedlich aus. Das ist wichtig, denn auch das Verhalten unterscheidet sich je nach Art und Stadium drastisch. So gibt es beispielsweise eine Art, deren Stich für Singvögel und Papageien häufig tödlich endet, die einen Menschen jedoch i.d.R. überhaupt nicht stechen würde (konkret: Ixodes frontalis, ausgewachsenes Weibchen).
Wenig bekannt ist auch, dass es neben den Schildzecken, zu denen auch der Holzbock gehört, auch noch die Lederzecken gibt. Beide „Zeckenfamilien“ unterscheiden sich im Aussehen und der Biologie sehr, die heimischen Schildzecken leben jedoch sehr verborgen und parasitieren Fledermäuse oder Vögel.
Medizinisch gesehen sind nur ein paar Arten relevant, natürlich auch die, die die meisten Menschen umgangssprachlich als „Zecken“ kennen. Die mit Abstand wichtigste ist der Gemeine Holzbock, Ixodes ricinus. Aber auch andere Arten sind auf dem Vormarsch und spielen teilweise auch beim Erregergeschehen eine wichtige Rolle, auch für Krankheiten wie die FSME.
2. Haben Zecken eine kuriose oder besondere Eigenschaft/Fähigkeit – außer unbemerkt über unsere Haut zu klettern, uns zu stechen und Blut zu saugen?
Drehmann: Hier ist die Liste noch länger als bei den Zeckenmythen. Zecken sind biologisch betrachtet faszinierende Tiere. Ich beschränke mich weitestgehend auf die Familie der Schildzecken:
- Sie können über ihr hallersches Organ eine Vielzahl an Umweltreizen wahrnehmen.
- Über einen noch nicht geklärten Mechanismus nutzen sie statische Ladung um potenzielle Wirte aus kurzer Distanz „anzufliegen“.
- Sie betreiben intensive Brutpflege, bei der das Weibchen jedes einzelne Ei mit einer schützenden Schicht umhüllt.
- Schildzecken benötigen in ihrem ganzen Leben nur zwei bis drei Mahlzeiten, je nach Art und Geschlecht.
- Sie müssen nur wenige Male am Tag durch ihre Stigmata (Atemöffnungen an der Seite) atmen. Manche Arten, wie die Auwaldzecke, können sogar mehrere Monate unter Wasser überleben.
Mein persönlicher Favorit ist ein banaler Vorgang, der bei Zecken aber vergleichsweise spektakulär angelegt ist: Wie der Gemeine Holzbock Wasser trinkt. Dieser kann neben weiteren Arten eine winzige Menge von einem besonderen, hygroskopischen Speichel nutzen, um bei hoher Luftfeuchtigkeit einen Wassertropfen wie durch Zauberei auf seinem Stechapparat erscheinen zu lassen. Das Wasser wird direkt aus der Luft gesaugt und dann von der Zecke aufgenommen.
3. Was sind die natürlichen Fressfeinde der Zecke?
Drehmann: Das ist je nach Land sehr unterschiedlich. Am bekanntesten sind wahrscheinlich die, die gar nicht bei uns vorkommen: die Madenhacker und die Kuhreiher. Die kennt man aus Dokumentarfilmen, die sich beispielsweise mit den afrikanischen Großsäugern beschäftigen. Die Zecken an diesen können sehr häufig sein und je nach Art und Stadium auch sehr groß werden. Das kann eine relevante Nahrungsquelle sein.
Unsere heimischen „Zeckenfresser“ sind da weit weniger bekannt. Auf Zecken als Nahrung spezialisiert, ist auch nur eine einzige Art, die Zeckenerzwespe Ixodiphagus hookeri. Diese kleinen Wespen legen ihre Eier in Zeckennymphen. Wenn die Zecke einen Wirt findet und sich vollsaugt, werden auch die Larven der Wespe aktiv und beginnen damit, die Zecke von innen heraus aufzufressen. Ixodiphagus heißt sogar wörtlich übersetzt „Zeckenfresser“. Aus einer einzigen kleinen Nymphe können mehrere der winzigen Wespen schlüpfen.
Andere „natürliche Feinde“ der Zecken sind beispielsweise Entomopathogene Pilze oder Nematoden (Fadenwürmer), diese sind jedoch nicht so spezifisch und können auch andere Milben und häufig auch Insekten befallen.
4. Wie sieht der Lebensraum der Zecke aus?
Drehmann: Da Zecken so vielfältig sind, lässt sich das nicht so einfach beantworten.
Jede Art hat andere Ansprüche an ihren Lebensraum und es gibt viele Anpassungen. Manche Zecken leben ausschließlich in Höhlensystemen und parasitieren Fledermäuse, manche in den Bauten von Nagern, einige sind hochgradig an gefährdete Wirte, wie Uferschwalben angepasst.
Bei manchen, wie den beiden heimischen Buntzeckenarten, verändert sich das sogar im Laufe des Lebens. Ausgewachsene Tiere findet man im Freien auf Wiesen und in Wäldern, die Jungtiere saugen aber nur das Blut von Mäusen und bleiben während der Entwicklung in deren Höhlen.
Die eine große Ausnahme bildet die häufigste Zeckenart Deutschlands, der Gemeine Holzbock.
Dieser ist bei der Wirtswahl ein ausgeprägter Generalist und vermag, außer bei ausgeprägter Trockenheit die meisten Standortbedingungen zu tolerieren. Daher ist der Holzbock besonders weit verbreitet.
Wichtig ist jedoch, dass die Zecken sich nicht selbst aussuchen, wo sie leben. Ein Holzbock läuft in seinem ganzen Leben, wenn überhaupt, nur wenige Meter, den größten Teil davon auf seinem Wirt auf der Suche nach einer geeigneten Stelle zum Stechen.
Zecken bewegen sich selbst fast nicht, sie werden bewegt – während sie auf ihren Wirten Blut trinken. Auf Zugvögeln können sie dabei sogar riesige Strecken zurücklegen. Daraus folgt, dass Zecken eben dort leben, wo ihre Wirte sich aufhalten. Da viele Tiere, auch wir Menschen, gerne in Übergangsbereichen wie Waldrändern, Waldwegen oder entlang von Feldhecken (den sogenannten Ökotonen) unterwegs sind, sind dort auch oft die Zecken häufiger.
Anschlussfrage: Sind Zeckengebiete und FSME-Risikogebiete deckungsgleich?
Drehmann: Natürlich gibt es Zecken auch außerhalb der vom Robert Koch-Institut definierten FSME-Risikogebiete, auch den Holzbock.
Tatsächlich zeigte eine große Studie mehrerer Forschungseinrichtungen, an der auch ich beteiligt war, dass der Holzbock in Norddeutschland häufiger ist als im Süden (www.sciencedirect.com/science/article). Damit wäre es, zumindest auf Deutschland bezogen, genau umgekehrt. Das Ergebnis einer neuen Studie des Münchener Wissenschaftlers Prof. Dr. Gerhard Dobler lässt sogar vermuten, dass die FSME auch außerhalb der Risikogebiete deutlich häufiger vorkommt, als bisher angenommen wurde.
5. Welche einfachen Maßnahmen sind zum Schutz vor dem Zeckenbesuch anzuwenden?
Drehmann: Man kann mit diversen Maßnahmen das Risiko eines Zeckenstichs verringern. Einen Stich bei einem Aufenthalt in der Natur garantiert zu verhindern ist aber nicht möglich.
Grundsätzlich ist es hilfreich, den Zecken den Weg zum Körper zu versperren:
- Geschlossene Schuhe und lange Socken können da schon hilfreich sein. Auch wenn es vielleicht etwas albern aussieht, die Socken über die Hose zu stecken ist ebenfalls sinnvoll – dann können die Zecken so gut wie gar nicht mehr an die Haut am Unterkörper.
- Ein längeres T-Shirt, dass man sich in die Hose stecken kann, kann ebenfalls nützen.
- Lange Ärmel hingegen haben vor und Nachteile. Bei allen Aktivitäten im Freien, bei denen die Hand in Richtung Boden geht, und dass sind wohl die meisten, kommt es häufiger zu Zecken auf der Hand. Diese können in weniger als einer Minute in einen Ärmel krabbeln, wo sie dann nur noch schwer zu bemerken sind.
Auch Sprays haben eine gewisse Schutzwirkung, jedoch deutlich schlechter als gegen Mücken (www.test.de/Mittel-gegen-Zecken). Denn Zecken können nicht einfach weiterfliegen und sich einen angenehmeren Wirt suchen. Sie halten sich an allem fest, mit dem sie in Kontakt geraten und können dann bei der Suche nach einer geeigneten Stelle zum Blutsaugen sehr geduldig sein. Bei gängigen Tests für Sprays wird untersucht, ob die Zecken eingesprühte Bereiche meiden – und das tun sie durchaus. Sie lassen deshalb aber ihren potenziellen Wirt noch lange nicht los. Sie suchen meist weiter, bis sie eine passende Stelle gefunden haben.
Kombiniert man daher beide Maßnahmen und sprüht seine Hände, Arme und seinen Kragen mit einem geeigneten Mittel ein, dann erreicht man fast den besten möglichen Schutz vor einem Stich. Wirksamer ist nur noch die Verwendung von spezieller Zeckenschutzkleidung, die die Zecken bei Kontakt vergiftet und sogar abtöten kann.
Infektionen verhindern
Noch wichtiger als die Verhinderung eines Stichs ist jedoch die Verhinderung einer Infektion. Für die beiden relevantesten Erreger, das FSME-Virus und die Lyme-Borrelien muss dabei unterschiedliches beachtet werden:
- FSME:
Da die Viren in der Zecke in den Speicheldrüsen sitzen werden sie beim Stich gleich zu Beginn in den Wirt übertragen. Auch wenn die Zecke unmittelbar nach dem Stich entfernt wird, kann daraus eine Infektion resultieren. Die Impfung schützt aber sehr zuverlässig vor einer FSME-Erkrankung. Da man sich nicht vollständig vor einem Stich schützen kann muss jeder für sich entscheiden, ob man sich gegen FSME impfen lässt.
- Lyme-Borrelien:
Eine Impfung gegen Lyme-Borrelien gibt es derzeit nicht, es wird aber aktuell an einer geforscht.
Jedoch kann man hier die Biologie der Zecke zum Schutz vor den Bakterien nutzen: da die Bedingungen im Mitteldarm für die Bakterien besonders günstig sind, kommen Borrelien, sofern die Zecke noch kein Blut gesaugt hat, ausschließlich dort vor. Die Bakterien müssen diesen erst aktiv verlassen und in die Speicheldrüsen einwandern, bevor sie übertragen werden können. Darüber, wie lange das genau dauert, ist sich die Wissenschaft nicht ganz einig, mehrere Stunden sind es aber in jedem Fall. Sich also gründlich nach Zecken abzusuchen und diese möglichst frühzeitig zu entfernen, stellt daher einen sehr zuverlässigen Schutz dar.
6. Was sollte ich tun, wenn ich eine Zecke an mir entdecke? Was sollte ich nicht tun?
Drehmann: Wenn die Zecke noch krabbelt, sollte sie umgehend entfernt werden, idealerweise wird sie dann fixiert (unter einen Tesastreifen geklebt o.ä.) oder getötet, man sollte das jedoch vorsichtig machen, damit man sie gerade in Innenräumen nicht gleich wieder verliert.
Hat die Zecke bereits gestochen, sollte sie ebenso schnell wie möglich entfernt werden. Das kann man mit einem geeigneten Werkzeug in der Regel problemlos selbst machen. Ein Arztbesuch ist dazu fast nie nötig und wegen dem stündlich zunehmenden Risiko einer Borrelienübertragung auch nicht sinnvoll.
Bei den Werkzeugen ist die Auswahl groß. Wenn ich einen Kurs zu dem Thema gebe, kann die Frage nach dem richtigen Werkzeug leicht eine Stunde einnehmen. Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Ich persönlich bevorzuge eine scharfe, leicht gebogene Pinzette, wie sie extra für diesen Zweck in jeder Apotheke zu bekommen ist.
Um Zecken von Kindern zu entfernen, ist aber vielleicht ein anderes Werkzeug besser, da ihnen die Pinzette Angst machen könnte und die Spitzen dann auch etwas gefährlich sein können. Auch wenn man keine ruhige Hand hat, sollte man zu einem anderen Werkzeug greifen.
7. Inwieweit wird die Erderwärmung Einfluss auf die Zeckenpopulation und Arten nehmen?
Drehmann: Bisher spielt der Klimawandel wahrscheinlich noch keine große Rolle, zumindest nicht, wenn es um die Ausbreitung der medizinisch relevanten Zecken in Deutschland geht.
Bezogen auf den Holzbock liegt das an der Art wie Zecken sich bewegen, bzw. bewegt werden (s. Frage 4). Sie gelangen mit ihren Wirten ohnehin schon jetzt überall hin. Längere Dürreperioden könnten sich auf den Holzbock sogar negativ auswirken, denn mit Trockenheit kommt er nicht gut zurecht. Es ist aber denkbar, dass der Holzbock durch steigende Temperaturen langfristig in höheren Lagen zurechtkommt.
Auch das bisher nicht heimische Zeckenarten, wie die der Gattung Hyalomma, sich aufgrund des Klimawandels langfristig in Deutschland etablieren können, lässt sich noch nicht mit Gewissheit sagen. Die bisherigen, vereinzelten Funde sind durch Zugvögel oder menschliche Transporte erklärbar, im Moment ist keine etablierte Population in Deutschland bekannt.
8. Wie sind Sie zu dem Themengebiet „Zecke“ gekommen? Was hat bei Ihnen das Interesse ausgelöst?
Drehmann: Ich hatte ursprünglich eigentlich große Angst vor Zecken. Ich fragte Frau Prof. Dr. Ute Mackenstedt, die 2013 Professorin für Parasitologie in Hohenheim war, am Ende von meinem Bachelorstudium der Biologie dennoch gezielt nach einem Zeckenprojekt für den Master. Weniger als ein halbes Jahr später war ich mitten im Studium angestellter Mitarbeiter der damals noch recht kleinen AG-Zecken.
Abgesehen davon, dass ich mich mit meiner Angst vor Zecken auseinandersetzen wollte, was sehr gut geklappt hat, war es mir wichtig mit meiner Forschung und Arbeit etwas Sinnvolles zu tun, das den Menschen unmittelbar helfen kann.
9. Wenn man jetzt, ausgelöst durch diesen Artikel, sehr viel über Zecken nachdenkt, wie verliert man nicht die Lust daran durch die Wiesen und Felder zu streifen und sich über die Natur zu freuen? Haben Sie einen Tipp?
Drehmann: Ja, machen Sie das Gleiche wie ich.
Beschäftigen Sie sich ernsthaft mit den Zecken, mit ihrer Biologie und ihrem Verhalten. Damit, wie Sie sich vor ihnen schützen können, aber auch damit, warum die Zecke es überhaupt auf uns abgesehen hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Angst und Unwohlsein am besten mit Wissen und Klarheit begegnet.
Ich empfehle gerne ein Buch, das man an einem Abend lesen kann und dass das Thema Zecken in Deutschland sehr umfassend abhandelt: „Welchem Zwecke dient die Zecke?“ von Dr. Petra Sommer (dr-petra-sommer-verlag.de). Wir verkaufen das Buch unter anderem auch im Naturschutzzentrum.
Dr. Marco Drehmann ist promovierter Biologe und als Leitung und Geschäftsführung des Naturschutzzentrums Schopflocher Alb im Landkreis Esslingen in Baden-Württemberg tätig.


