Erfahrungswerte – Wann breche ich eine Wanderung besser ab?
Die Frage, ob man eine Wanderung abbricht, stellt man sich hoffentlich nur selten. Aber es kommt vor. Wichtig dabei: frühzeitig auf Signale aus der unmittelbaren Umgebung, des Körpers und das Bauchgefühl zu hören.
Wir haben uns dazu im Wandermagazin-Team ausgetauscht und unsere Erkenntnisse und Tipps zusammengetragen. Wir hoffen, dir damit helfen zu können und wollen zeigen, dass es wichtig ist, sich einzugestehen: „Stopp, hier gehe ich nicht weiter.“
„Abbruch“ klingt sehr dramatisch. Die meisten Situationen auf Wanderschaft lassen sich mit einer alternativen Wegführung meistern, z. B. um das Ziel früher zu erreichen, unerwartet unzugängliche Wegabschnitte zu umgehen oder den stundenlangen Aufenthalt im Regen oder in der Sonne zu verhindern.
Wandertyp: Wandertouren in den Bergen, Mehrtageshüttentouren, sportliche Touren
„Gerade in den Bergen hat es mir oft geholfen, immer im Kopf zu behalten, dass ich diesen Weg eventuell auch wieder runtergehen muss. Denn Absteigen ist bei etwas technischem Gelände mit Kletterpassagen oft noch schwieriger als Aufsteigen und kann auch länger dauern.
Wichtig finde ich, die Zeit nie aus den Augen zu verlieren. Wenn der erste Teil der Tour schon länger als geplant dauert, ist es vielleicht sinnvoller, umzukehren. Genauso wichtig ist es, auf den Himmel und die Wetter-App zu achten, da gerade in den Bergen das Wetter so schnell umschlagen kann.
Bei Hüttentouren hat es mir oft geholfen, mit Locals wie den Hüttenwirt:innen oder erfahrenen Wandernden, die sich in der Gegend auskennen, zu sprechen. Sie können die Wege und die Wetterlage besser einschätzen und bekommen Informationen, ob andere Hütten zugänglich sind. So habe ich z. B. einmal erfahren, dass eine Hütte meiner Tour durch Schnee nicht begehbar ist. Gerade bei Schnee würde ich empfehlen, die Tour im Zweifelsfall immer umzuplanen oder abzubrechen, wenn die Wegführung nicht mehr eindeutig ist. Wegmarkierungen sind oft nicht mehr sichtbar und steile Abbruchkanten versteckt. Mein Tipp ist auch hier, es nicht alleine zu versuchen, sondern sich einer Gruppe mit erfahrenen Wandernden anzuschließen.
Aus meiner Sicht ist es oberste Priorität auf den eigenen Körper zu hören und bei Schmerzen oder Erschöpfung keinen falschen Stolz vorzuschieben. Gerade bei Mehrtagestouren kann es immer zu unvorhergesehenen Ereignissen kommen. Auch wenn es vielleicht im Moment ärgerlich ist, die Tour abzubrechen, ist es am Ende nur eine Tour, die man wiederholen kann und niemals wert, die eigene Gesundheit zu riskieren.“
Wandertyp: Herausfordernde Bergtouren, Hüttentouren, Gipfeltouren und Klettersteige, getreu dem Motto: Her mit den Höhenmetern!
„Für mich gehört die Option, eine Tour abbrechen zu müssen, immer zur Planung dazu. Notabstiege, Umgehungen oder alternative Routen denke ich deshalb gleich mit. Zu schnell kann das Wetter umschlagen, die Kraft nachlassen oder sich das Gelände als schwieriger erweisen als gedacht. Gerade in den Bergen gehören daher der regelmäßige Blick auf den Wetterbericht, die Wanderpartner sowie den Himmel dazu.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Le Tsavre im Wallis: Auf der Karte wirkte der Berg gut machbar, doch in der Realität verstiegen wir uns auf dem weglosen Berg immer weiter und fanden uns schließlich in einer brüchigen Felswand wieder. Irgendwann mussten wir einsehen, dass Risiko und Gipfelglück in keinem vernünftigen Verhältnis mehr standen, und kehrten um. Ähnliche Entscheidungen gab es auch auf Hüttentouren mit Freunden, wenn ein reizvoller Gipfelabstecher schlicht zu viel gewesen wäre. Oder der plötzliche Wintereinbruch mit heftigem Schneefall an der Tschenglser Hochwand, bei der ich nach fünf Stunden im Gelände und nur 100 Meter unterhalb des Gipfels enttäuscht den Rückzug antreten musste, weil ich weder passend ausgerüstet noch auf solche Bedingungen vorbereitet war.
Für mich gilt deshalb: Kein Gipfel ist es wert, sich oder andere aus Ehrgeiz oder falschem Stolz in Gefahr zu bringen. Das langsamste oder schwächste Mitglied bestimmt das Tempo und Machbare, das Wetter gibt die Routenführung vor. Und im Zweifel eben auch, ob es weitergeht oder nicht.“
Wandertyp: Tagestouren, mehrtägig mit Zelt, genüsslich unterwegs, langsam bergauf – keine Hektik
„Ich habe schon mehrmals Wanderungen abgebrochen bzw. die Route spontan verkürzt, weil ich etwas nicht mehr richtig einschätzen konnte.
Vor allem in Gelände, das mir nicht vertraut ist, achte ich stark auf mein Bauchgefühl. Sobald mich etwas stutzig macht, werde ich aufmerksam. Das muss am Ende nicht dazu führen, dass ich tatsächlich eine Tour abbreche. Es ist vielmehr das bewusste Auseinandersetzen, mit dem, was mich stutzig macht oder mir in dem Moment Sorgen bereitet.
Daher rate ich in solchen Momenten, anzuhalten, durchzuatmen und sich kurz bewusst zu machen, was um einen herum (Wetter, Landschaft, Wegbeschaffenheit, andere Menschen etc.) los ist und was in einem selbst rumort. Brauche ich einfach mal eine längere Pause? Sollte ich nochmal was essen? Tut mir was konkret weh: Gelenk, Blasenbildung am Fuß, Schultern, Rücken etc.?
Ohne viel Zögern habe ich vor allem im alpinen Bereich Routen abgebrochen oder mich über schnellere Alternativen zurück ins Tal bewegt. Bisher immer bedingt durch Wettersituationen – die kann ich nicht beeinflussen, aber sie haben eine unmittelbare Auswirkung auf meine Sicherheit im Hang, auf dem Grat und in schwierigen Wegpassagen.
Und ja, ich habe mich auch jedes Mal geärgert. Doch hinterher beruhigt sich das Gemüt immer, denn ich will Spaß haben und den habe ich nicht, wenn ich mit einer Paniksirene im Kopf stur meine Kilometer weiterlaufe.“
Wie schätze ich eine Tagestour richtig ein?
Wir haben fünf wichtige Punkte für dich zusammengetragen, damit du dich schneller bei der großen Auswahl an Wegen orientieren kannst.
Titelbild: Schlechtwetterfront auf dem Malerweg © Ricarda Große