Unter Bären – Trekking in den Karpaten

Veröffentlicht von Svenja Walter am

Bärenspuren am Weg, ein Wisent vor der Hütte, ein Luchs auf den Bildern einer Kamerafalle: Drei Tage wandert Autor Roman Goergen durch die rumänischen Făgăraș-Berge. Er zeigt wie Naturtourismus zum Waldschutz beitragen kann, warum verantwortungsvolle Tierbeobachtung Abstand braucht und schreibt über den besonderen Reiz des Nichtsichtbaren.

Der Pfad von Rudărița nach Comisu steigt stetig durch den feuchten rumänischen Mischwald an. Buchen, Tannen und Fichten filtern das Licht; der Regen der Nacht hängt noch in der Luft. Dann bleibt unsere Naturführerin Oana Harabagiu vor einer Fichte stehen. In der Rinde zeichnen sich Biss- und Kratzspuren ab, Harz glänzt auf der Borke, dazwischen hängen einzelne Haare. Der Stamm dient den Braunbären der Umgebung als Markierbaum. „Sie geben damit im Grunde an. Je höher sie kratzen oder beißen, desto größer sind sie“, erklärt Harabagiu. Wer den höchsten Kratzer setzen kann, dominiert das Revier. Die junge Rumänin trägt ihr Bärenspray griffbereit am Gürtel. Die Spuren am Baum machen die Präsenz der Tiere spürbar.

Autor Roman Goergen im herbstlichen Wald

Die dreitägige Trekkingtour führt durch die Făgăraș-Berge in den Karpaten. Heute geht es etwa sechs Kilometer und 630 Höhenmeter hinauf nach Comisu. Dort liegen eine Beobachtungshütte und, etwas höher am Hang, unser Nachtquartier. Travel Carpathia, die Tourismustochter der Foundation Conservation Carpathia (FCC), will mit solchen Wandertouren Einkommen schaffen, um die Wälder Rumäniens zu schützen. Die Stiftung verfolgt seit 2009 den Plan, hier einen riesigen Nationalpark zu schaffen – mit angestrebten 200.000 Hektar wäre er der größte Waldnationalpark Europas und fast so groß wie das gesamte Ruhrgebiet.

Zwischen Wildnis und Bärenfütterung

Vor zwei Tagen, noch vor dem Aufbruch in die Berge, haben wir auf dem Gut Zabola in Siebenbürgen übernachtet, knapp 70 Kilometer von der Regionalhauptstadt Brașov entfernt, früher als Kronstadt bekannt. Das historische Anwesen bietet Gästezimmer und Bärenbeobachtungen an. Etwa zehn Meter vor einer Beobachtungshütte suchte die Bärin Anna nach ausgelegtem Mais. „Jeden Tag lege ich hier Futter aus und es wird immer gefressen. Ich weiß nicht die genaue Uhrzeit, aber irgendwann kommen die Bären immer“, erklärte uns Ranger Levente Péter.

Frau kniet im Wald vor einem Baumstamm
Naturführerin Oana Harabagiu untersucht auf dem Weg nach Comisu einen Baum auf Kratz- und Reibespuren von Wildtieren wie Bären oder Luchsen.

Während in Zabola der Mais die Tiere vor die Hütte lockt, zeigen sie sich auf der Wanderung nach Comisu nur durch ihre Spuren am Stamm. Eine Frage beschäftigt uns während dieser Tage: Was verändert das regelmäßige Füttern, das gezielte Eingreifen in die Natur, für die Bären – und für die Menschen, die mit ihnen leben? Fütterungen erhöhen einerseits die Chance auf Tierbeobachtungen und damit auch auf Einnahmen aus dem Tourismus. Verbinden die Bären das Futter jedoch mit Menschen und verlieren ihre natürliche Scheu vor ihnen, können Begegnungen zwischen Mensch und Tier gefährlicher werden und Bären suchen womöglich häufiger die Nähe zu Dörfern, wo sie ohnehin Essensabfälle finden.

Vom Markierbaum folgt der Pfad dem Bach. Zwischen Buchen stehen junge Tannen und Fichten, dann öffnet sich der Wald. Am Rand einer Wiese steht die Beobachtungshütte von Comisu, unser Ziel für den Abend. Dahinter ziehen sich bewaldete Hänge hinauf zum Kamm. Durch die Fenster suchen wir mit Ferngläsern die Waldränder nach Tieren ab. Im Holzofen knistert inzwischen ein Feuer. Doch wir diskutieren immer noch über die Bären und das Füttern. Auch an der Comisu-Beobachtungshütte werden kleine Futtermengen ausgelegt.

Menschen in einer Hütte mit Ofen stehen an einer Fensterfront und schauen nach draußen über bewaldete Hügel.
Gäste suchen durch die Panoramafenster der älteren Comisu-Hütte die Waldränder nach Tieren ab. Die abgelegene Hütte hat weder Netz noch Strom; ein Holzofen spendet Wärme. © Roman Goergen

„Man gewöhnt die Tiere daran, dass Futter für sie bereitliegt“, sagt Guide Harabagiu. Eine verlässliche Portion Futter an der Hütte, abseits der Dörfer, könne dafür sorgen, dass die Bären im Wald blieben; dann suchten sie seltener in Dörfern nach Nahrung, was wesentlich gefährlicher für alle Beteiligten ist. Daten dazu gebe es zwar nicht, sicher sei aber, dass die Tiere Ort und Uhrzeit lernen. Ende die Fütterung nach Jahren, verschwinde diese Erwartung nicht einfach. „Bären können bis zu 20 Jahre alt werden. Das macht man nicht fünf Jahre lang und hört dann auf”, sagt Harabagiu.

Das weiß auch FCC-Mitgründerin Barbara Promberger. „Wir müssen noch viel darüber lernen, was einen Bären zu einem ‚Problembären‘ macht. Es ist keine einfache Gleichung.“, sagt die österreichische Biologin. Sie kam 1995 zur Wolfsforschung nach Rumänien, lernte ihren jetzigen Ehemann Christoph Promberger kennen und blieb. Aus mehr als zehn Jahren Forschung an Wölfen, Bären und Luchsen entstand FCC. Dort arbeiten über 150 Menschen für Waldschutz, Wiederaufforstung und die Rückkehr von Bibern und Wisenten.

Bärin Anna an der Beobachtungsstelle des Zabola Estate. Ranger Levente Péter legt dort täglich Mais aus, um die Bären vor die Hütte zu locken.

Wildtier und Gewohnheitstier

307 Bärenschäden wurden zum Beispiel 2025 im Kreis Covasna registriert, wo Zabola liegt. Eine rumänienweite Studie wertete 10.472 Warnmeldungen von 2019 bis 2024 aus und fand mehr Meldungen in menschlich geprägten Gebieten mit Nahrungsabfällen und nahe früherer Fütterungsplätze. Ob Fütterungen an Beobachtungshütten wie in Zabola oder Comisu Konflikte zwischen Menschen und Bären vermindern oder verstärken, untersucht diese Studie jedoch nicht.

Die kontrollierte Portion Futter dort erscheint jedoch als geringeres Risiko für die Bevölkerung und somit auch für die sogenannte Problembären im Vergleich zu offenen Mülltonnen oder Snacks aus Autofenstern. An der Bergstraße Transfăgărășan füttern Tourist:innen Bären aus Fahrzeugen. Hier entstehen die wirklichen Gefahren. Entscheidend ist, ob die Bären die Nahrung lediglich mit einem bestimmten Ort oder mit menschlicher Nähe verbinden.

Am Abend glimmt weiter das Holz in kleinen Öfen. In der älteren Comisu-Hütte sitzen wir hinter den Panoramafenstern. Kein Mobil-Netz, kein Strom, nur das Knacken des Ofens. Tiere zeigen sich noch nicht, aber in der Dämmerung beginnt die Vorstellung, das Unsichtbare zu sehen.

Wisente und wachsende Neugier

Am nächsten Morgen liegt Kälte über Comisu. Drinnen dampft der erste Kaffee. Wir suchen Wanderschuhe und Ausrüstung für den Weiterweg zusammen. Noch vor dem Frühstück steht draußen am Rand der Lichtung plötzlich ein einzelner Wisentbulle. Schwer und schwarzbraun löst er sich beinahe lautlos aus dem Schatten des Waldes. Es ist Paarungszeit, und Oana Harabagiu wundert sich, dass der Bulle allein unterwegs ist.

FCC brachte 2019 die ersten Tiere zunächst in ein Eingewöhnungsgehege; die ersten von ihnen wurden 2020 freigelassen. Sie stammen aus verschiedenen europäischen Beständen, aus Polen, Deutschland und Schweden, um die verbliebene genetische Vielfalt möglichst gut zu erhalten. Alle europäischen Wisente stammen von nur zwölf Individuen ab, die nach dem Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Inzwischen leben hier im Făgăraș-Gebirge wieder rund hundert Tiere, verteilt über Täler und Almen.

Grüne Bergwiese mit einem Holzgebäude und einem Wisent
Ein einzelner Wisentbulle auf der Bergwiese vor der Comisu-Hütte. Im Făgăraș-Gebirge leben inzwischen wieder rund hundert Wisente.

Nach dem Frühstück kommen wir auf dem Abstieg an dem alten Gehege vorbei. Harabagiu erklärt, welche Aufgabe die Tiere in der Landschaft übernehmen: „Sie schaffen offene Flächen – das ist wichtig für die Erneuerung des Waldes.“ Die Wisente halten Wiesen offen, fressen im Wald Schösslinge, schaffen lichte Stellen und tragen beim Wälzen Samen weiter.

Hier erinnert sich Harabagiu an die anfängliche Skepsis in den umliegenden Orten: „Viele dachten, die Wisente würden alles zerstören – Felder, Zäune, Gärten. Erst als die Menschen sahen, dass nichts Schlimmes passiert, begannen sie zu fragen, wo sie sie sehen können.“

Diese wachsende Neugier gehört zur wirtschaftlichen Strategie des FCC. Mitgründer Christoph Promberger will erreichen, dass die Gemeinden mit Naturschutz mehr verdienen können als mit der Ausbeutung des Waldes. Besucher, die wegen der Wisente kommen, sollen dazu beitragen. Hinter dem alten Gatter führt der Pfad hinunter zum Pecineagu-See.

Luchse – Wer beobachtet eigentlich wen?

Dort endet der Weg vorerst am Ufer. Ein mit Solar betriebenes Elektrofloß bringt uns über den Stausee, danach folgen vier Kilometer im Fahrzeug. Erst dann beginnt der zweite Fußweg des Tages: etwa fünf Kilometer und rund 500 Höhenmeter auf einer breiten, unmarkierten Forststraße. Buchen und Fichten säumen den Weg, an offenen Stellen reicht der Blick über die bewaldeten Hänge des Făgăraș-Gebirges.

Blick von Comisu über die bewaldeten Hänge der Făgăraș-Berge. In dieser Region plant FCC einen bis zu 200.000 Hektar großen Nationalpark.

Kurz vor dem Ziel bleibt Oana Harabagiu wieder vor einer Tierspur stehen. An einem Baum liegt dunkle, von Haaren durchsetzte Losung. Harabagiu erkennt darin die Hinterlassenschaft eines Luchses. Sie ist bereits einige Wochen alt; zwischen den Haaren wächst weißes Myzel. Die Führerin deutet den Fund als Markierung am Rand eines Reviers, denn normalerweise verscharren Luchse ihr Geschäft. Für Harabagiu ist es erst der dritte Fund dieser Art; einen lebenden Luchs hat auch sie in freier Wildbahn noch nie gesehen.

Auf der anderen Seite des Bergkamms liegt Poiana Tămaș, auf 1.420 Metern Höhe das letzte Lager dieser Reise. Wir kommen verschwitzt an, aber unsere Duschen warten schon. Vier kleine Holzkabinen stehen am Hang, offen zum Tal. Ein Eimer mit heißem Wasser verbindet sich mit einem einfachen Duschkopf. Während man in diesem Wechsel aus klirrend kalter Luft und heißem Wasser nackt vor dem Făgăraș-Massiv steht, fühlt man sich plötzlich beobachtet – nicht von Menschen, sondern von den Tieren, auf deren Spuren wir seit Tagen unterwegs sind.

Eine offene Eimerdusche im Camp Poiana Tămaș: Heißes Wasser fließt aus einem Behälter durch einen einfachen Duschkopf, während der Blick frei auf das Făgăraș-Massiv fällt.

Nach der Dusche prüfen wir oberhalb des Camps die Aufnahmen einer Kamerafalle. Auf dem Bildschirm streift ein einzelner Luchs durch das Gras. Ob er auch die Losung am Weg hinterlassen hat, lässt sich nicht feststellen, aber darüber spekulieren wir trotzdem. Wieder stellt sich das Gefühl ein, beobachtet zu werden. “Du weißt eigentlich immer, dass die Tiere in der Nähe sind. Manchmal tauchen sie auf, aber meistens bleiben sie verborgen.”, sagt unsere Führerin.

Der Reiz des Nichtsichtbaren

Gerade in solchen Momenten zeigt sich, worum es hier wirklich geht. Wildnis wird nicht vorgeführt, sie entzieht sich der Erwartung. Ihre Anwesenheit spürt man eher, als dass man sie sieht – in Geräuschen, Spuren, im Blick über eine verlassene Wiese. Das ist die Idee, die hinter dieser Landschaft steht: keine Bühne, sondern ein Raum, in dem Natur wieder nach eigenen Regeln existieren darf. Christoph Promberger fasst es so: “Es geht nicht darum, eine Wildnis zu schaffen, in der keine Menschen erlaubt sind, sondern darum, Wege zu finden, wie Menschen und Natur miteinander existieren können.”

Am nächsten Morgen verlassen wir Poiana Tămaș und folgen der Forststraße anderthalb Stunden hinunter zum Bildungszentrum Râchița. Die Tour endet, das Dilemma bleibt: Unterkünfte und Führungen können Einkommen schaffen, das den Schutz des Waldes wirtschaftlich stützt. Werden Tiere für verlässliche Sichtungen regelmäßig gefüttert, kann derselbe Tourismus jedoch ihre Gewöhnung an Menschen fördern, was möglicherweise zu häufigeren und risikoreicheren Begegnungen zwischen Menschen und Tiere führen. Das kann es für beide Seiten gefährlicher machen. Es bleibt zu hoffen, dass Futterstellen fernab von Ortschaften, wie die von Travel Carpathia, Konflikte zwischen Menschen und Bären vermindern können.


Überblick: 3 Tage Trekking in den Făgăraș-Bergen

Travel Carpathia verbindet geführte Kleingruppen und lokale Einnahmen mit der Finanzierung konkreter Naturschutzarbeit.

Etappen:
1. Rudărița – Comisu: ca. 6 km, 630 hm auf/ 100 ab · 3 Std. reine Gehzeit, mit Pausen 4-5 Std.
2. Comisu – Poiana Tămaș: ca. 3 km · 550 hm ab, unmarkiert · Elektrofloß + 4 km Fahrzeugtransfer · anschließend ca. 5 km und 500 hm auf nach Poiana Tămaș
3. Poiana Tămaș – Râchița: ca. 1,5 Std. Abstieg

Diese Kombination ist derzeit nicht als reguläre Dreitagestour buchbar, kann aber individuell geplant werden

Anforderungen und Organisation: Kondition für bis zu 5 Std. Wandern und 630 hm im Aufstieg. Teile der Strecke sind unmarkiert. Übernachtungen in Comisu und Poiana Tămaș sind nur im Rahmen einer geführten Buchung bei Travel Carpathia möglich.

Übernachten und Ausrüstung: Comisu bietet einen Gemeinschaftsschlafraum, Küche und eine ökologische Toilette, aber keinen Strom. In Poiana Tămaș schläft man in Zelten mit Betten; dort gibt es Gemeinschaftstoiletten und Eimerduschen. Der Mobilfunkempfang ist schwach oder fehlt. Empfohlen sind feste Wanderschuhe, Regenjacke, warme Schichten und ein Übernachtrucksack

Wildtiere: Abstand halten, leise bleiben, niemals füttern und den Anweisungen des Guides folgen. Sichtungen sind nicht garantiert. Auf geführten Touren trägt der Guide Bärenspray.

Buchung und Anreise: Vergleichbare reguläre Angebote dauern sieben Tage. Die Trekkingtour führt über Poiana Tămaș und Comisu, aber nicht über den See; Preis 2027: 2.098 Euro. Die Wildlife-Tour mit Poiana Tămaș und, bei geeigneten Bedingungen, Floßüberfahrt über den Pecineagu-See kostet 2.295 Euro. Enthalten sind Guide, Unterkünfte, Mahlzeiten sowie Transfers ab und bis Flughafen Bukarest

Infos: www.travelcarpathia.com
reservation@travelcarpathia.com


Transparenzhinweis: Roman Goergen war als Gast von The European Nature Trust (TENT), Travel Carpathia und Zabola Estate in Rumänien zu Gast.


Titeilbild: Das abgelegene Poiana Tămaș Wilderness Camp
Alle Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet © Roman Goergen