Veni.Vidi.Wandern – Kolumne 11

Veröffentlicht von Ricarda Große am

Was sich hinter Zeitwahrnehmung & GPS-Nutzung verbirgt

Da ist man mal wieder auf einem Wanderweg unterwegs, stößt auf eine Kreuzung und keine Markierung oder Beschilderung zu finden. Passiert halt. Nicht alle Wege können den Anspruch eines Qualitätswanderweges mit durchgängiger Beschilderung erfüllen. Und es wäre auch ein einziger Schilder- und Zeichenwald da draußen, wenn wir diesen Anspruch umsetzen würden.

Zum Glück sind wir vernetzt und verortet. Also Handy raus, GPS an und schnell auf die Karte geschaut. Ah ja, alles gut. Hier bin ich, das ist der Weg, dort die Gabelung und da muss ich rechts abbiegen. Eine ziemlich schnelle und einfache Orientierung, die wir meistens wie selbstverständlich durchführen, um unseren Weg fortzuführen.

Doch dann kam mir plötzlich ein Gedanke: Was genau passiert hier gerade eigentlich bei der Navigation? Und schon stolperte ich hinein in die Welt der Quantenmechanik.

Denn die Satelliten, die unseren Standpunkt ermitteln, arbeiten mit Atomuhren für eine exakte Abstimmung. Und Atomuhren funktionieren dank der Quantenphysik und dem Element Caesium bzw. den Schwingungen des Caesium 133 Atmos.

Schalte ich mein GPS am Handy ein, empfängt es Signale mehrerer Satelliten, die jeweils mit mehreren Atomuhren bestückt sind. Dieses Signal enthält dann unter anderem die Position des Satelliten und den Zeitpunkt zu dem gesendet wurde. Mit dem Zeitstempel berechnet nun mein Handy, wie lange es gedauert hat, das Signal zu empfangen und bestimmt damit die Entfernung zum Satelliten. Dadurch, dass mein Handy von mehreren Satelliten diese Signale empfängt wird mein Standort per Triangulation ermittelt. Ohne präzise Zeitangaben wäre diese Berechnung nicht möglich. Und diesen doch sehr komplexen, wenn auch schnellen, Prozess, löse ich einfach mal eben beim Wandern mit einem Befehl auf dem Handy aus.

Während ich also nach Natur, Ruhe und Abstand zum Alltag beim Wandern suche, lande ich unbewusst und ungeplant in der faszinierenden Welt der Physik und dem geradezu hektischen Treiben da oben im Orbit. Was zunächst keine direkte Rolle bei meinem Naturerlebnis spielt, wird zu einem Paradox und schließlich zu einer, wie ich finde, faszinierenden Verknüpfung.

Zeitmessung geht übrigens noch exakter, mithilfe von Laserlicht. Optische Atomuhren sind die neue Generation. Sie arbeiten nicht mehr wie Caesium-Uhren auf Basis von Mikrowellen, sondern mit Laserlicht und damit auf noch höheren Frequenzen und damit mit mehr Präzision.

Und jetzt fallen wir noch ein bisschen tiefer in diese Welt mit der sogenannten gravitativen Zeitdilatation. Auf der Erde variiert die Gravitation und damit auch die Zeit, je nach Entfernung vom Erdmittelpunkt. Eine Person, die auf einem hohen Gebäude oder Berg steht, erfährt eine schwächere Gravitation und die Zeit läuft demnach schneller ab als für eine Person, die im Tal am Boden steht. Wir nehmen die Unterschiede nicht wahr, auch nicht unsere Uhren und Gadgets. Aber optische Atomuhren könne diese Unterschiede bereits bei einem Höhenunterschied von weniger als einem Haar messen. Absoluter Wahnsinn.

Ein Gedanke begleitet mich bei alledem: Ist es nicht unglaublich, dass der Mensch Naturerholung sucht und gleichzeitig Denkprozesse und Theorien in Bewegung setzt, die auf kleinster atomarer Ebene unser Dasein, die Zeit und das Weltall betrachtet? Wer sagt, dass ich nicht das Rauschen der Baumwipfel im Wind genießen kann und mir gleichzeitig die Bahnen der Satelliten vorstelle, wie sie um den Erdball kreisen und unsere Signale empfangen, verwerten und zurücksenden?

Viele weitere physikalische und mechanische umfangreiche Themen und Formeln – die mein laienhaftes Verständnis um ein Weites überragen – folgen diesen ersten Gedanken und führen zu einem mächtigen Knoten in meinem Hirn. Gut, das man beim Wandern dem Kopf Entspannung gönnt, dann geht das auch bald wieder vorüber.

Auf jeden Fall betrachte ich den kurzen Blick auf die digitale Karte mit GPS nicht mehr einfach nur als praktisches Hilfsmittel. Und auch den nächsten Pausenplatz auf einem Gipfel werde ich noch viel bewusster warhnehmen, um die „rasende“ Zeit so lange wie möglich für mich zu nutzen. Am besten wäre es natürlich, wenn die Zeit in solchen Momenten einfach stehen bleiben könnte.

Tipp: In der ARTE-Mediathek findet sich eine sehr gut gemachte Doku zur Quantenmechanik
https://www.arte.tv/de/videos/123420-000-A/quantenmechanik-die-entschluesselung-der-welt/ (verfügbar bis zum 24.11.2026)


In unserer Kolumne „Veni.Vidi.Wandern“ setzen wir uns mit verschiedenen Gedanken rund um unsere Leidenschaft und Arbeitswelt, dem Wandern, auseinander. Mal ernst hinterfragt, mal amüsant erzählt, vielleicht auch mal auf Abwegen – kurzum, hier schreiben wir nach Lust und Laune, was uns beim Wandern durch den Kopf geht.