Bad Vilbel – Zwischen Skyline und Streuobstwiesen

Veröffentlicht von Svenja Walter am

Frankfurt ist nah. Sehr nah sogar. Hochhäuser, Straßenbahnen, Autos, Menschen, Termine, dieses Grundrauschen einer Metropole liegt nur wenige Kilometer entfernt. Und doch fühlt sich Bad Vilbel erstaunlich weit weg davon an. Keine halbe Stunde braucht es aus der Frankfurter Innenstadt hierher, eingestiegen in die S-Bahn und schon ist man da. Vom Großstadttrubel ist keine Spur mehr. Niemand scheint es besonders eilig zu haben, auch die gemütlich dahinfließende Nidda nicht. Genau dieser Kontrast begleitet mich auf dem Vilbelsteig, der im Herzen der Stadt beginnt.

Auf dem Vilbelsteig

Ich starte also mittendrin. An der Nidda herrscht angenehmes Treiben. Junge Paare sitzen am Wasser, Fußgänger schlendern über die Wege, Fahrräder rollen vorbei. Die Nidda zieht wie selbstverständlich ihre Bahn. Selbst die Stadtbibliothek mit angeschlossenem Café scheint sich diesem Rhythmus anzupassen: Wie eine breite Brücke spannt sich das Gebäude über den Fluss, besticht durch moderne Baukunst, ohne aufdringlich zu sein.

Ein paar Straßen weiter wird Bad Vilbel dann überraschend kurz urban. Riesige Murals, große Wandbilder, bedecken ganze Hauswände. Internationale Künstler wie Case Maclaim, „Millo“ oder „JU MU MONSTER“ haben hier gearbeitet. Farben, Gesichter, Tiere und Geschichten auf Beton. Großstadtkunst in einer Stadt, die sich ansonsten auffallend gelassen gibt.

Großes Mural mit Kindergesicht an einer Hauswand
Urbanes Feeling dank Murals in Bad Vilbel © Jarle Sänger

Der Vilbelsteig verbindet genau diese unterschiedlichen Seiten. Rund 12,4 Kilometer ist der vom Deutschen Wanderinstitut ausgezeichnete Stadtwanderweg lang. Die schöne Innenstadt, die genügsame Nidda, historische Plätze, offene Streuobstwiesen und der grüne Stadtwald liegen auf einer einzigen Runde. Ich steige hinauf zum Heilsberg. Der höher gelegene Stadtteil entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, als Vertriebene, Ausgebombte und Heimkehrer hier eine neue Heimat fanden.

Zwischen den Häusern öffnet sich in einem Park der erste Blick über die Dächer. Dann verschwindet die Stadt hinter mir und der Wald schluckt ihre Geräusche. Noch ein paar Schritte, dann ist es still, ein paar Vögel rascheln und zwitschern über mir. Die Steine knirschen unter den Sohlen. Der Weg zieht mit viel Zick-Zack und Kurven durch den Stadtwald. Meist breit und bequem, zwischendurch schmaler, fast ein wenig verwachsen, dann streifen Blätter und Gräser meine Beine.

Ein Fluss mit grünen Ufern und Bäumen
Die Nidda fließt beschaulich um um durch Bad Vilbel © Jarle Sänger

Streuobst & Äppelwoi

Mitten im Wald öffnet sich plötzlich eine große Lichtung: der ehemalige Schießplatz. Seit 1937 wurde das Gelände zunächst von der Wehrmacht, später vom US-Militär genutzt. 1994 kam es zurück an die Stadt und wurde anschließend saniert. Heute wachsen auf den nährstoffarmen Flächen seltene Pflanzen, darunter auch Orchideen. Wo früher Schüsse durch den Wald hallten, summen heute Insekten über den Wiesen. Ein bemerkenswerter Wandel.

Und wenig wird die Landschaft weiter, wieder so ein kleiner Wandel. Der Wald bleibt zurück, Streuobstwiesen ziehen sich über die Höhe. Apfelbäume stehen im Gras, dazwischen führen weiche Wiesenwege auf federndem Boden. Der Blick reicht weit über das Rhein-Main-Gebiet bis zum Taunus. Am Horizont steht der Große Feldberg mit seinem Sendemast, fest mit dem Bild des Taunus verbunden. Der Apfel wiederum gehört fest zur offenen Landschaft über Bad Vilbel. Und wer später probieren möchte, was hier an den Bäumen hängt, bestellt sich am Abend einen original hessischen Apfelwein, den „Äppelwoi“. Viel regionaler lässt sich eine Wanderung kaum beenden.

Äpfel am Apfelbaum
Hier noch am Baum, später in Form von Äppelwoi im Glas © Jarle Sänger

Doch zunächst geht es zurück zur Nidda. Noch immer liegt sie ruhig zwischen ihren grünen Ufern. Noch immer sitzen Menschen am Wasser. Nach Wald, Wiesen und Weite wirkt Bad Vilbel nun beinahe quirlig – gemessen an den Maßstäben dieser Stadt. Ich folge dem Fluss erst nach Norden, dann auf der anderen Seite zur Wasserburg. Alte Mauern, davor der grüne Burgpark mit seinen großen, schattigen Bäumen.

Im Sommer wird die historische Anlage zur Bühne der Burgfestspiele, eines der zuschauerstärksten Festspiele Hessens. Schauspiele und Musicals werden hier sowieso den ganzen Sommer über gespielt. Nicht ohne Grund trägt Bad Vilbel den Beinamen „Festspielstadt“. Und „Quellenstadt“. Denn Wasser begegnet mir hier überall. In Brunnen, Trinkstellen, der Nidda. An mehreren Stellen kann man das mineralreiche Heilwasser sogar direkt probieren. Es schmeckt deutlich sonderbar, leicht eisenhaltig. Wahrlich kein Wasser, das sich geschmacklich versteckt.

Römer in Hessen

Dass Wasser hier schon die Römer beschäftigte, unweit vom Limes, zeigt das Römer-Mosaik im Kurpark wenig später. In einem Glaspavillon liegt die rund 33 Quadratmeter große Rekonstruktion eines Mosaiks, dessen Original 1849 beim Bau der Main-Weser-Bahn entdeckt wurde. Fische, Meereswesen und der Meeresgott Oceanus erscheinen unter einer dünnen Wasserschicht fast lebendig. Ein kurzer Aufenthalt, der sich lohnt.

Ruine einer Burganlage mit Burggraben
Die Wasserburg in Bad Vilbel © Jarle Sänger

Noch ein paar Schritte durch den Kurpark, dann bin ich wieder im Zentrum, inmitten der Cafés, kleinen Geschäfte, den Menschen auf den Plätzen. Und ich? Ich tue es der Stadt gleich und lasse mir Zeit. Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke Bad Vilbels. Frankfurt liegt praktisch vor der Haustür. In weniger als einer halben Stunde kann man aus dem Takt der Metropole an die Nidda wechseln, aus Verkehrslärm wird Vogelgezwitscher, aus Asphalt werden Wiesenwege. Es wird klar: Man muss nicht weit fahren, um Abstand zu gewinnen.

Der Vilbelsteig macht diesen Wechsel auf zwölf Kilometern erlebbar. Stadt und Wald. Murals und Streuobstwiesen. Wasserburg und Wiesenpfad. Und wer danach noch weitergehen möchte, findet rund um Bad Vilbel inzwischen sieben weitere Wanderwege, zum Beispiel die Skyline Tour mit Blicken nach „Mainhattan“ oder den Auenlandpfad, der mit idyllischen Plätzen entlang der Nidda besticht. Frankfurt bleibt dabei immer nah. Aber manchmal sind ein paar Kilometer Abstand schon genug.

Weitere Infos: www.viltour.de

Feldrand mit blühenden Blumen, im Hintergrund goldgelbes Gras und Wald
Eine Idylle für Insekten und Wanderer am ehemaligen Schießplatz © Jarle Sänger

Titelbild: Blick vom Heilsberg über Bad Vilbel © Jarle Sänger