Kleine Auszeit in der Südpfalz: Wandern auf dem Treidlerweg
Ich bin vom Wasser umgeben. Links von mir zieht der breite Rhein gemächlich seine Bahn. Ein langes Binnenschiff wird für eine Weile mein Begleiter, es tuckert träge vor sich hin und strahlt die Gelassenheit und Ruhe aus, die ich heute auf meiner Wanderung auf dem Treidlerweg spüre. Auf der rechten Seite erstrecken sich die Rheinauen, eine idyllische Landschaft aus kleinen, dicht bewachsenen Gewässern und ein wahres Vogelparadies. Während eine Entenfamilie vorbeizieht, weiß ich bei all dieser Naturidylle gar nicht, wohin ich zuerst schauen soll.

Eingebettet in die Südpfalz liegt die Wohlfühlregion Rülzheim. Mit ihren Rheinauen und dem „Pfälzer Urwald“ ist sie wie geschaffen für eine erholsame Auszeit. Der Premiumwanderweg Treidlerweg und weitere Touren laden dazu ein, die Natur zu entdecken. Zwei Tage lang erkunde ich die Gemeinden Hördt, Kuhardt, Leimersheim und Rülzheim und genieße die Ruhe auf den Wanderwegen sowie bei einer Übernachtung im Tiny House.
Wasser und Aue im Wandel
Um die Landschaft der Region besser kennenzulernen, besuche ich zuerst die Ausstellung Wasser.Aue.Wandel im ehemaligen Hördter Forsthaus. Sie bietet spannende Einblicke in die lokale Natur sowie die Herausforderungen des Klimawandels. Vor Ort treffe ich Andreas Olschewski, der mich durch die Räume führt und mir erzählt, dass die interaktiven Stationen auch von Schulklassen sehr gut angenommen werden. Während der erste Raum den globalen Klimawandel und mögliche Gegenmaßnahmen beleuchtet, widmet sich der zweite dem Hochwasser – einem Thema, das ihm als Feuerwehrmann besonders am Herzen liegt.
Seit Jahren nehmen Hochwasserereignisse in den Hördter Rheinauen zu. Besonders beeindruckt bin ich von einem interaktiven Modell, das verschiedene Überflutungsszenarien und den ehemaligen Verlauf des Rheins zeigt. Durch die Begradigung des Flusses im 19. Jahrhundert fallen die Flutwellen heute größer aus, da sie nicht mehr wie im ursprünglichen, kurvigen Verlauf ausgebremst werden.

Im letzten Raum dreht sich alles um den Lebensraum Rheinaue. Wer wohnt hier und wie passen sich heimische Flora und Fauna dem ständigen Wechsel aus Überschwemmung und Trockenheit an? Ein typischer Bewohner ist der Biber, für den die Uferböschungen ein echtes Paradies sind. Aber auch Fische wie der Steinbeißer, Wildbienen, die Wildkatze und zahlreiche Amphibien haben hier ihr Zuhause. Ebenso lerne ich in der Ausstellung Baumarten wie die Flatterulme kennen, die im Hochwasser gut überleben kann. An einer Aktivstation kann ich Eier aus einem Nest nehmen, aufklappen und erfahren, welche Vögel hier brüten, darunter auch der schillernde Eisvogel. In einer Nische stoße ich auf die Europäische Sumpfschildkröte, die einzige heimische Schildkrötenart. Andreas Olschewski verrät mir, dass er mittlerweile weiß, an welchen Plätzen er sie findet und beim Sonnenbaden beobachten kann. An jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken und interaktiv auszuprobieren – nicht nur für Kinder eine schöne Art, Informationen über die Region zu erhalten.


Nach dem Ausstellungsbesuch freue ich mich umso mehr darauf, die Natur und Artenvielfalt der Rheinauen hautnah zu erleben. Gleichzeitig stimmt mich das Thema Hochwasser, das von Jahr zu Jahr dringlicher wird, auch etwas nachdenklich. Es ist unbedingt notwendig, vor einem Besuch des Treidlerwegs den aktuellen Hochwasserstand zu prüfen.
Ausstellungstipp
Wasser.Aue.Wandel
Die Ausstellung im Alten Forsthaus in Hördt ist jeden zweiten Sonntag geöffnet. Für Vereine, Gruppen und Schulklassen sind nach Anfrage auch individuelle Termine möglich.
- Eintritt frei
- Für Gruppen nach Anmeldung
- Altes Forsthaus in Hördt
Der Eichtalweg mit Vogellehrpfad
Meine erste Wanderung beginnt auf dem Eichtalweg in Hördt, wo ich sofort in die Stille des idyllischen Waldes eintauche. Der Weg führt vorbei an Erlen, Pappeln, Birken, Wildäpfeln und Wildkirschen und entlang des plätschernden Spiegelbachs. Ein besonderes Highlight ist der zwei Kilometer lange Vogellehrpfad. Seine Infotafeln am Wegrand liefern spannende Einblicke in die Vogelwelt der Region. Dieses Wissen kann ich direkt nutzen, denn um mich herum zwitschert und wimmelt es nur so.

Ruhe finden im Tiny House
Minimalistisches Wohnen mitten in der Natur: Für mich geht es heute zum ersten Mal in ein Tiny House! Diese gemütliche Alternative zu den klassischen Stellplätzen bietet das Camping Resort Rülzheim an. Da so eine Übernachtung schon ewig auf meiner Bucket List stand, ist die Vorfreude riesig. Eine gut gelaunte Mitarbeiterin begleitet mich zu meiner Unterkunft und schwärmt unterwegs von ihrem Job auf dem Platz. Trotz der vielen Arbeit liebt sie den Austausch mit Gästen aus aller Welt, die sich hier erholen.
Als ich mein Tiny House am Rande des Campingplatzes direkt an einem See erreiche, verstehe ich sofort, warum dieser Ort ein beliebtes Urlaubsziel ist: Neben dem Bett gibt es ein riesiges Panoramafenster, und drinnen wartet eine Grundausstattung samt Campinggeschirr. Zwei einladende rote Stühle stehen auf der kleinen Terrasse vor dem Haus, der perfekte Ort, um den Abend zu verbringen.Am nächsten Morgen scheint die aufgehende Sonne durch die große Fensterscheibe und ich kann vom Bett aus die Vögel beobachten, die mit fröhlichem Gezwitscher den neuen Tag begrüßen.


Direkt am Campingplatz startet der Rottenbachweg, ein knapp zehn Kilometer langer Rundweg durch den ruhigen Rülzheimer Wald und entlang des gleichnamigen Bachs. Perfekt, um ein Stück davon als Morgenspaziergang zu nutzen! Ich tauche ein kurzes Stück in die Natur ein und genieße die Stille, während die ersten Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterdach brechen. Außer mir sind um diese Uhrzeit nur vereinzelte Walker:innen unterwegs. Zurück an der Unterkunft hole ich im kleinen Laden eine warme belgische Waffel ab, die ich zusammen mit einem Kaffee auf der Terrasse meines Tiny Houses genieße. Ein bisschen Wehmut schwingt mit, als ich diesen friedlichen Ort verlasse, aber die Vorfreude überwiegt, denn heute steht ein vielversprechender Wanderweg für mich auf dem Plan.

Wasser und Urwald auf dem Treidlerweg
Heute steht der Treidlerweg auf meinem Plan. Ich habe schon viel von diesem Pfad gehört, nicht umsonst war er 2023 als Deutschlands schönster Wanderweg nominiert und trägt das Siegel als Premiumwanderweg. Wie der Name schon vermuten lässt, ist die Route stark vom Wasser geprägt. Vom 8. Jahrhundert bis zur Erfindung der Dampfschifffahrt wurden hier Schiffe flussaufwärts getreidelt: Knechte oder Zugtiere zogen die Kähne an langen Leinen vom Ufer aus gegen die Strömung.

Ich starte am Wanderparkplatz in Hördt und überquere zuerst den beschaulichen Michelsbach. Vorbei an weiten Feldern führt mich der Weg direkt in das Naturschutzgebiet Hördter Rheinaue, wo bunte Wildblumen am Wegesrand kleine Farbtupfen setzen. Schon bald empfängt mich die Stille des Waldes. Ich wandere an einem kleinen Pavillon vorbei tiefer hinein ins Grün. Immer wieder brechen Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterdach und tauchen den Pfad in ein ganz besonderes Licht. Zu meiner Linken blitzt schließlich der Altrhein durch die Bäume. Das stille Gewässer mit seinen urwüchsigen Auen ist ein echtes Paradies für Vögel und Insekten. Auf der anderen Seite erstrecken sich die ehemaligen Fischteiche, an deren bewachsenem Ufer es sich eine Handvoll Schwäne gemütlich gemacht hat. Für einen Moment lausche ich einem Froschkonzert – die Tiere unterhalten sich lautstark miteinander. Da entdecke ich ein echtes Highlight: Ein kleiner Eisvogel sitzt am Wasser auf einem Zweig und schimmert wunderschön blau.


Entlang des Rheins
Wer mag, kann hier nach links abbiegen und über den Altrhein zum Schleusenhaus am Rheindamm wandern, um sich bei einem Snack zu stärken. Ich entscheide mich jedoch für den Weg nach rechts, folge ein kurzes Stück der Asphaltstraße auf dem Deich und stehe schließlich vor dem breiten Rhein, der im Vergleich zum Altrhein wie ein riesiges Meer wirkt. Für eine kurze Rast setze ich mich auf einen der großen Steine am Ufer und beobachte das Treiben auf dem Strom, bevor ich meinen Weg am Wasser fortsetze. Kurz darauf tauchen rechts wieder die Rheinauen auf und ich bin komplett von Wasser umgeben: auf der einen Seite der mächtige, fließende Strom, auf der anderen die idyllischen, stillen Altarme. Ich genieße diesen faszinierenden Kontrast und schlendere am Ufer entlang, während ein Binnenschiff gemächlich neben mir her tuckert und mich ein Stück des Weges begleitet.

Der “Pfälzer Urwald”
Der Weg macht eine Biegung nach rechts und ich finde mich plötzlich in einer Art Urwald wieder. Im Naturwaldreservat „Hördter Rheinaue – Großer Gimpelrhein“ wird der Wald sich selbst überlassen. Seit gut 40 Jahren wird hier erforscht, wie sich der Wald völlig ohne menschlichen Einfluss entwickelt. Das Ergebnis ist beeindruckend: Die Stämme sind von Kletterpflanzen überwuchert und das grüne Dickicht ist so dicht, dass echtes Urwald-Feeling aufkommt. Vorbei an einem versteckten See führt mich der Pfad ein letztes Mal durch das Unterholz, bevor ich auf eine weite Wiese mit Obstbäumen trete.
Hier bemerke ich erst, wie dunkel der Himmel inzwischen geworden ist. Ein tiefes Donnergrollen kündigt das Gewitter an. Schnellen Schrittes halte ich auf das Ziel zu, fasziniert von dem farblichen Kontrast zwischen den düsteren Wolken und den leuchtenden, grün-gelben Kornfeldern. Keine fünf Minuten sitze ich im Auto, da prasselt der Regen auch schon los. Ich lehne mich entspannt zurück, lausche dem Trommeln auf dem Autodach und genieße noch die letzten Momente meiner Auszeit, bevor ich mich voller neuer Eindrücke auf den Heimweg mache.


Weitere Infos: www.suedpfalztourismus-ruelzheim.de
Alle Fotos © Marieke Wist